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Wenn es keine Zukunft mehr gibt

Hamburg Wenn es keine Zukunft mehr gibt

Karen Duves neuer Diskurs-Roman: „Macht“, eine Vision mit Staatsfeminismus und Weltuntergang.

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Karen Duve (54) stammt aus Hamburg, lebt aber auf dem Land; sie ist Tierschützerin (hier mit ihrem Huhn Rudi) und thematisiert auch Ernährung und Klimawandel.

Quelle: Action Press

Hamburg. Vor einem Jahr sorgte die Utopie des Schriftstellers Michel Houellebecq für Debatten in ganz Europa: In seinem Roman „Unterwerfung“ wird das Frankreich des Jahres 2022 von gemäßigten, aber durchsetzungsfähigen Islamisten regiert. Nun legt die Autorin Karen Duve ebenfalls einen romanhaften Blick in die Zukunft vor: Ihr Deutschland des Jahres 2031 wird von entschlossenen Feministinnen regiert, es herrscht eine „Kontrollierte Demokratie“. Denn die Männer haben das Land und den gesamten Planeten an den Abgrund bugsiert, bis zum Weltuntergang sind es noch fünf Jahre.

Dass Duves Szenario so profunde Erschütterungen auslöst wie das des Michel Houellebecq, ist unwahrscheinlich. Doch schon jetzt, bevor „Macht“ erschienen ist, rollt auf einigen Kanälen die Welle männlicher Empörung gegen die Schriftstellerin an: „Was passiert, wenn man Frauen an die Macht lässt, kann man ja in Deutschland momentan hautnah erleben.“ Das ist noch einer der zivileren Einsprüche gegen den Romaninhalt.

Duves Ich-Erzähler immerhin ist ein Mann. Der hat zwar einmal den Frauen an die Macht geholfen, er leidet nun aber darunter, „dass es darauf hinausläuft, mir Stück für Stück meine Männlichkeit abhandeln zu lassen“. Mit dieser Klage hat Duve die Angriffe auf ihre Person und den Roman, den keiner der Diskutanten bisher gelesen haben kann, vorweggenommen. Ihr Sebastian Bürger, Pressemann eines „Demokratiekomitees“, hat dem Wehklagen eine gewalttätige Konsequenz folgen lassen: Er hält seine Frau, die ein hohes Amt im Staatsfeminismus bekleidet hat, in einem Kellerraum gefangen und missbraucht sie, wenn ihm danach ist. Dafür, dass sie aus der Öffentlichkeit und von der Seite Sebastians verschwunden ist, wird der Ehemann auch noch bedauert. Der denkt sich: „Manchmal muss man eine Frau zerstören, wenn man nicht von ihr zerstört werden will.“

Es geht ihm um Macht, wie der Romantitel schon andeutet. Er ist unter die Räder der Zeitläufte geraten, seine Frustration macht sich nun im Privaten Luft. Erst wenn man etwas Gemeines mache, etwas, das jeder andere verurteilen würde, und damit durchkomme — dann sei das Machtgefühl berauschend, gesteht sich der Erzähler. Karen Duve hatte natürlich Josef Fritzl im Sinn, den Fall des Österreichers, der seine Tochter jahrzehntelang im Keller gefangen hielt. Es interessiere sie, „warum jemand so etwas tut, lässt man mal beiseite, dass der Mann irre ist“, sagt die Autorin.

Die Antwort sei womöglich: „Weil er es kann.“

Duve bleibt dabei nicht stehen, sie dekliniert ihre Fiktion intelligent durch. Naturkatastrophen, verursacht durch die Klimaerwärmung, sind schon da — das Hamburger Eigenheim des Erzählers wird fast zerstört. Die Menschen nehmen — krebserregende — Verjüngungspillen, die sie auch mit 70 noch als 30-Jährige erscheinen lassen. Die Jungen sind chancenlos, sie klagen den „Ökofaschismus“ an. Sekten machen sich breit.

Bundeskanzlerin (das feminine Genus ist Standard) ist keine Frau, vielmehr Olaf Scholz. Der SPD-Politiker, derzeit noch Hamburger Bürgermeister, hat sich bei Duve nach oben charmiert.

Die Stärke des Romans ist: Die gesellschaftlichen Zustände, die er schildert, sind aus heutiger Sicht vorstellbar. Die Deformationen, die sich in den Psychen der vermeintlichen Sieger wie der Verlierer der Geschichte einstellen, sind eine absehbare Gefahr, deren Vorboten bereits heute ihren Schrecken verbreiten. Unser liberaler Staat ist vielleicht nur eine Schönwetterdemokratie — wehe, die Stürme nehmen zu. Beruhigend ist das alles nicht. Duves Protagonist droht: „Wir können alle tun, was wir wollen, ohne uns vor den Folgen fürchten zu müssen. Das ist das Gute daran, wenn es keine Zukunft gibt.“

Die Autorin als soziales Gewissen

Karen Duve wurde 1961 in Hamburg geboren. Eine Ausbildung zur Steuerinspektorin brach sie ab, sie arbeitete zunächst als Taxifahrerin. Ihre erste Erzählung „Im tiefen Schnee ein stilles Heim“ erschien 1995. Ihr „Regenroman“ war ein Bestseller wie die autobiografische Erzählung „Taxi“. Mit „Anständig essen: Ein Selbstversuch“, veröffentlichte sie 2010 ein Sachbuch, in dem sie sich mit ethisch vertretbarer Ernährung und vor allem der Massentierhaltung auseinandersetzte. Karen Duve lebt seit 2009 in der Märkischen Schweiz (Brandenburg) auf einem Bauernhof.

„Macht“ von Karen Duve, Galiani-Verlag, 416 Seiten, 21,99 Euro. Der Roman erscheint heute.

Michael Berger

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