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„Wenn ich nicht mehr singen kann, höre ich auf zu leben“

Hamburg „Wenn ich nicht mehr singen kann, höre ich auf zu leben“

Wie der Sänger und Dichter Herman van Veen die Mauer durchlöcherte und warum er sich nicht leisten kann zu sterben – zu lesen in seiner Autobiografie „Erinnerte Tage“.

Hamburg. Vergesst David Hasselhoff und seinen angeblichen Grenzöffnungs-Song „Looking for Freedom“ 1989 in Berlin. Hat schon mal jemand erwähnt, dass ein Holländer die Mauer löchrig gemacht hat wie einen Schweizer Emmentaler? Naja, zumindest symbolisch. Herman van Veen spielte 1989 in Ostberlin, und das Bühnenbild bestand aus einem großen Loch in einer Wand, durch das der Sänger auftrat und abging. Und er versprach den Zuschauern, in einem Jahr würden sie sich in Paris wiedersehen. Zwei Wochen nach dem Konzert fiel die Berliner Mauer.

 

LN-Bild

Blickt zurück auf ein bewegtes und glückliches Leben: Multitalent Herman van Veen (71).

Quelle: Universal

„Ich glaube, Gott ist eine Idee“

„Was hatte ich für ein Glück“, kommentiert Herman van Veen den Coup in seinem Buch „Erinnerte Tage“ lakonisch. Es ist der zweite Teil seiner Autobiografie, den er morgen in Hamburg vorstellt. Das Schöne daran: Zu erwarten ist keine übliche Lesung. Im Gespräch mit Edith Leerkes, seiner Musiker-Partnerin seit 25 Jahren, gewährt der 71-Jährige muntere Einblicke in die wunderbare Welt des Herman van Veen: seinen Alltag („Ich esse früh zwei Toasts mit Käse, ein Ei, sechs Minuten, trinke zwei Cappuccino“), die Konzertvorbereitung („Jeder Abend ist anders“), seine frühen Auftritte in Ostdeutschland („Die Frauen rochen nach Seife“), Politik und Religion („Ich glaube, Gott ist eine Idee“).

Die Autobiografie ist eine Collage aus unterschiedlichen Themen, Zeitebenen und Perspektiven. Der populärste niederländische Musiker hierzulande, im letzten Kriegsjahr 1945 in Utrecht geboren, blickt in einem Mix aus Erinnerungen, fiktiven und realen Briefen an Familie und Weggefährten, Emails und Liedzeilen zurück – etwa auf den Beginn seiner Karriere: Beim Krippenspiel in der Grundschule schmetterte er als Weihnachtsengel im weißen Kleid mit Wattelöckchen „Glohohohoria in excelsis deo“. „Beim Singen vergaß

ich total, wie kindisch ich aussah. So glücklich war ich.“ Als 14-Jähriger hat er als weißer Wolf in einer Kinderoperette bereits die Kritiker begeistert – und die Bühne als künftigen Arbeitsplatz für sich entdeckt.

Pointiert, wortverspielt, zuweilen auch sachlich-dokumentarisch erzählt van Veen über seine Zeit als Student, die Anfänge als Kabarettist und den Weg auf die großen Bühnen der Welt, über seine Liebe zur Musik, die ihn über die Jahrzehnte getragen hat, und die Themen, über die er singend philosophiert: „Von kleinen Dingen, die in einem Hauseingang passieren, in einer Straße, Wohlhabenden und armen Schluckern, den Mädchen aus verflogenen Tagen, dem Morgen in der Stadt und von Gott, der schöne Dinge macht, während es ihn nicht gibt.“

Es sind Zeilen wie diese, nach denen man kurz innehält, noch einmal nachliest. Ausführlich erzählt er zum Beispiel über seine Auftritte in Ostberlin, wo er ab Ende der 1970er Jahre spielte. Einen Trabi brachte er von dort mit als „Tourneeauto“, und als Gage sang er sich zwei Geigen zusammen. Sie sind, so erfahren wir, neben der Familie der Grund, warum man sich Herman van Veen als glücklichen Mann vorstellen muss. „Wenn ich mir vorstelle, nicht mehr Geige spielen oder singen zu können, ich glaube, dass ich dann aufhöre zu leben. Welchen Shit ich auch erlebe, sobald ich auf die Bühne stakse und singen und spielen kann, ist alles wieder in Ordnung.“

Bei den Lesungen ist ein vitaler Entertainer zu erleben, der die Welt zugleich altersweise und kinderstaunend betrachtet und lange noch nicht müde ist, seine Erkenntnisse der Welt mitzuteilen sowie neue Projekte anzuschieben. Etwa in seinem Arts Center in Holland, einem alten Landsitz, in dem er seine Bilder präsentiert, Konzerte gibt und wo junge Künstler sich ausprobieren können. „Ich kann es mir nicht leisten zu sterben. Es gibt noch so viel Schönes zu tun. Ich genieße es, glauben Sie mir.“

Das Buch: „Erinnerte Tage“ von Herman van Veen, Knaur Verlag, 19,99 Euro

Lesung: morgen, 15. September, Hamburg, St. Katharinen; Konzerte: 27. bis 29. Oktober Laeiszhalle, Hamburg; 24 bis 26. November Kieler Schloss

Kabarettist, Entertainer und Liedermacher

Herman van Veen wurde am 24. März 1944 in Utrecht geboren und absolvierte ein Studium am Utrechter Konservatorium (Fächer: Geige, Gesang, Musikpädagogik). Dort lernte er 1961 den Pianisten Erik van der Wurff kennen, die beiden gründeten das Cabaret Chantant Harlekijn. 1967 hatten sie erste Auftritte, schnell folgten Schallplattenaufnahmen und Fernsehsendungen. Van Veen etablierte sich als Kabarettist, Entertainer und Liedermacher. 1968 gründete er seine bis heute bestehende Produktionsfirma Harlekijn.

Alfred Biolek entdeckte Herman van Veen 1972 von für das (west)deutsche Publikum. Van Veens erstes deutschsprachiges Album erschien 1973 und hieß „Ich hab’ ein zärtliches Gefühl“. Seitdem hat er 29 weitere Alben veröffentlicht, zuletzt in diesem Jahr „Springen oder Fallen“.

Petra Haase

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