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Wer stoppt den Ticket-Schwarzmarkt?

Veranstalter wehren sich Wer stoppt den Ticket-Schwarzmarkt?

Immer mehr Eintrittskarten werden von Schwarzmarkthändlern zu horrenden Summen verkauft — Das ärgert Fans, Künstler und Veranstalter — Doch eine Gegenwehr ist nicht so einfach.

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Quelle: Fotos: Nordphoto (1), Dpa

Veranstalter wehren sich. . Bewegliche Bühnen, opulente Shows: Längst sind große Musik-Events wahre Spektakel. „Veranstalter betreiben heute einen gigantischen Aufwand, um ein spektakuläres Konzert-Erlebnis zu produzieren, welches bei den Besuchern in Erinnerung bleibt“, sagt der Präsident des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft (BDV), Jens Michow. Besonders gelungene Veranstaltungen und deren Macher wurden mit dem Live Entertainment Award ausgezeichnet. Doch es herrscht nicht nur eitel Sonnenschein in der Branche. Ein internationaler Ticket-Schwarzmarkt treibt Preise in die Höhe und verärgert sowohl Fans als auch Veranstalter und Künstler.

 

LN-Bild

Nicht selten seien Konzerttickets kurz nach dem Start des Vorverkaufs schon vergriffen, moniert der BDV. Das liege nicht immer nur an der großen Nachfrage der Fans. Professionelle Weiterverkäufer kauften große Kontingente und veräußerten sie mit hohen Aufschlägen. Der BDV spricht von einem „wachsenden Geschwür der Zweitmarkthändler“.

Diese Händler haben es auf einen Riesenmarkt abgesehen. Nach einer Studie im Auftrag der Musikwirtschaft gaben deutsche Konsumenten 2014 satte 2,8 Milliarden Euro für Rock-, Pop- oder Klassikkonzerte sowie Opern oder Musicals aus. 1300 deutsche Konzertveranstalter machten demnach 2014 Gesamtumsätze von 1,56 Milliarden Euro. Bei einer Umfrage unter ihnen kam heraus, dass Erlöse aus dem Ticketverkauf mit 73 Prozent die wichtigste Umsatzquelle waren.

Michow sagt zum Schwarzmarkt: „Es ist ein internationales Geschäft, das in den vergangenen zwei Jahren erheblich zugenommen hat.“ Veranstalter hätten ein großes Interesse daran, es einzudämmen. „Wenn irgendjemand am Geschäft mitverdient, ohne selbst was dafür zu tun, geht das irgendwann jedem auf den Senkel“, sagt er. Auch der Chef des Veranstalters Deutsche Entertainment AG (Deag), Peter Schwenkow, hält den Schwarzmarkt für „extrem bedenklich“. „Wenn die mir vorliegenden Zahlen stimmen, ist das mittlerweile ein Acht-Milliarden-Dollar-Markt global.“ Es betreffe alle Musikarten.

„Das kann Ihnen bei einem Anna-Netrebko-Konzert in den ersten drei Reihen genauso passieren wie bei Barbra Streisand — quasi überall, wo es mehr Nachfrage gibt als Angebot.“

Letztlich könne man wenig dagegen tun, sagt Michow. Möglich seien personalisierte Karten, Vorverkaufsstellen könnten angewiesen werden, an einen Käufer nur eine begrenzte Zahl von Tickets abzugeben.

„Das ist aber nicht so angenehm. Wir wissen, dass Konzertkarten oft für Freunde gekauft werden, dass Menschen in Gruppen zu Konzerten gehen.“

Von streng personalisierten Tickets, die beispielsweise nur in Verbindung mit einem Personalausweis gültig sind, hält Schwenkow nicht viel. „Dann ist der Herr Müller eine Stunde vor dem Konzert krank und schickt seinen besten Freund, der dann nicht reinkommt. Ist das Kundenservice? Nein.“ Er betont, Künstler achteten genau auf den Verlauf des Vorverkaufs. „Die Höhe des Eintrittspreises in Verbindung mit der Geschwindigkeit des Abverkaufs ist der Marktwert des Künstlers.“ Das könne den Schwarzmarkt antreiben.

Der Frankfurter Konzertveranstalter Marek Lieberberg und sein Sohn Andre sagen: „Dubiose Ticketanbieter und fragwürdige Ticketplattformen sind natürlich der gesamten Branche ein Dorn im Auge.“ Diese agierten vor dem Hintergrund, dass das Volumen des „Live-Touring“ in den vergangenen 15 Jahren extrem angestiegen sei — auch weil immer mehr Künstler über digitale Kanäle schneller eine Fanbasis aufbauen könnten. „Es hat sich jedoch gezeigt, dass es nahezu aussichtslos ist, gegen diese Auswüchse mit juristischen Mitteln vorzugehen.“

Um den Weiterverkauf komplett zu unterbinden, müsste der Ticket-Verkauf total personalisiert werden, sagen die Lieberbergs. „Dies wäre mit hohen Zusatzkosten und einer erheblichen Reglementierung des Zugangs bei Konzerten verbunden.“ Dem Publikum müssten legale Optionen für den Weiterkauf oder Kauf angeboten werden. Um zwielichtigen Händlern das Handwerk zu legen, sollten Künstler und Veranstalter darüber nachdenken, ob Preise für Karten nicht besser kalkuliert werden müssten.

Schwenkow plädiert beim regulären Vorverkauf für ein „Flexible Pricing“. „Wenn es jemanden gibt, der bereit ist, für die erste Reihe 120 Euro zu zahlen, und jemanden, der 200 Euro ausgeben würde, dann muss man einen Mechanismus schaffen, damit der, der am meisten zahlt, in der ersten Reihe sitzt.“ Das sei die fairste Lösung. „Wir werden aber immer eine Kategorie mit fixen Preisen haben, damit es sich jeder leisten kann“, ist er sicher.

Hohe Ordnungsgelder drohen

auch auf juristischem Weg gegen den Ticket-

Schwarzmarkt. Personen, die als gewerbliche Weiterverkäufer von Karten ausgemacht worden seien, bekämen üblicherweise zunächst eine Unterlassungserklärung, erklärt der Präsident des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft (BDV), Jens Michow. Darin stehe, dass bei Zuwiderhandlung — also wenn der derjenige weiter Tickets verkauft — eine Vertragsstrafe zu zahlen ist. „Die beträgt mindestens 5000 Euro“, sagt Michow. „Die Kosten, die durch dieses außergerichtliche Abmahnverfahren entstehen, belaufen sich auf 1000 bis 1500 Euro und sind von dem Abgemahnten zu tragen.“ Das sei der Versuch einer außergerichtlichen Regelung. Wenn dem nicht entsprochen wird, muss man auf Unterlassung klagen. Diese Kosten seien erheblich höher. Anwalts- und Gerichtskosten summierten sich schnell auf einige Tausend Euro. Darüber hinaus legten die Gerichte bei weiteren Verletzungshandlungen ein Ordnungsgeld fest, das sich zumeist auf 50 000 Euro belaufe.

Von Christian Schultz

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