Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Wer war Shakespeare - und wenn ja, wie viele?

Lübeck Wer war Shakespeare - und wenn ja, wie viele?

Vor 400 Jahren starb William Shakespeare. Aber hat der Mann aus Stratford das ihm zugeschriebene Werk tatsächlich auch verfasst? Nicht nur Mark Twain hatte seine Zweifel. Ein Lübecker Übersetzer geht davon aus, dass es den bekannten Autor gar nicht gab.

Voriger Artikel
Die Welt als große Wundertüte
Nächster Artikel
Auf der Suche nach absoluter Musik

Links: William Shakespeare? Ein vor wenigen Jahren aufgetauchtes Bild gilt als das einzig authentische. Mitte: William Shakespeare? Das sogenannte „Flower Portrait“ von 1609 bezeichnen Histroiker als Fälschung. Rechts: William Shakespeare? Titelblatt der ersten Folioausgabe der Bühnenwerke von 1623.

Quelle: dpa, AP, AKG-Images

Lübeck. „Ist Shakespeare tot?“, fragte Mark Twain, und das war nicht ohne Berechtigung. Zwar steht in diesem Jahr der 400. Todestag an, aber ob es den Dichter überhaupt gegeben hat, wird immer wieder bezweifelt. Mark Twain hat das im letzten Buch vor seinem Tod getan. Jetzt liegt der Text erstmals in deutscher Übersetzung vor, in einer Schriftenreihe der „Neuen Shake-speare-Gesellschaft“, und ein Lübecker hat sich in der Debatte ebenfalls zu Wort gemeldet.

Mark Twain glaubte nicht an das Genie aus Stratford upon Avon. Er beklagte den Mangel an Zeugnissen aus Shakespeares Leben. Er stellte infrage, dass jemand so präzise über Juristerei schreiben konnte, ohne Jura studiert zu haben. Er stellte überhaupt eine Menge Fragen, fand wenig Antworten und ging von jemand anderem als Autor aus. Er neigte zu Francis Bacon, auch wenn er es letztlich offenließ.

Die „Deutsche Shakespeare-Gesellschaft“ begegnet der Frage nach der Autorschaft mit einem entschiedenen „Ja — aber“. Sicher, soll das heißen, manche Stücke habe Shakespeare nicht allein geschrieben.

Alle Theorien von Bacon über Christopher Marlowe bis zu Elisabeth I. aber seien Humbug. Für Mark Twain war immerhin klar, dass es der Mann aus Stratford nicht gewesen sein konnte. Und klar war für ihn auch: „Es gab nur einen Shakespeare. Es konnte nicht zwei geben; auf keinen Fall zwei zur gleichen Zeit.“

Das sieht Holger Lohse (67) ganz anders. Lohse ist Lübecker, ein Ingenieur und Maler von Hause aus, aber auch Übersetzer von Shakespeares Sonetten. Er glaubt ebenfalls nicht an den Mann aus Stratford, aber er glaubt auch nicht Mark Twain. Er geht vielmehr von zwei Autoren aus: von Sir Edward Dyer und von William Stanley, dem 6. Earl of Derby. 2014 hat er seine Thesen veröffentlicht.

„Shakespeare waren andere“ heißt das gut 100 Seiten starke Buch, und er spricht darin von nicht weniger als einer „kopernikanischen Wende in der Literaturwelt“.

Die Beweise sieht er in zwei Reihen verborgen. In den Namen von jeweils dreizehn Schauspielern, die sich untereinander geschrieben im „First Folio“ finden, der ersten Shakespeare-Gesamtausgabe von 1623. Betrachte man jeweils die letzten Buchstaben der mittleren Namen, ergebe sich in der einen Liste Stenley und in der anderen Dyer, wobei man bei Stenley ein E durch ein A ersetzen müsse. Das ist die Basis, die er mit allerlei anderen Beweisführungen zu untermauern versucht. Wobei er allerdings einräumt, nicht als Erster die Namen in den Endungen entdeckt zu haben. Aber er gehe bei ihnen als Erster von einem Autorenpaar aus.

Stanley gehörte zum Kreis der Thron-Nachfolger von Elisabeth I., seine Mutter war eine Urenkelin von Heinrich VII. Er schrieb Theaterstücke und unterhielt eine eigene Schauspieltruppe. Dyer war ein Dichter, wenn auch im Geheimen, und ein geschickter Diplomat. Sein Vater wurde von Heinrich VIII. zum Ritter geschlagen. Sie zusammen, so Lohse, sind die wahren Verfasser von Shakespeares literarischem Zentralmassiv. Das „größte Rätsel der Literaturgeschichte“ sei damit „gelöst“.

Ja, sagt er, die Dimension dieses Anspruchs sei ihm schon klar. Und dass da jemand von außen den etablierten Shakespeare-Betrieb gleichsam zur Räson bringen wolle, finde dort nicht eben große Begeisterung. Der „FAZ“-Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier etwa habe sich über seine Thesen eher amüsiert gezeigt. Auch der Anglist Ulrich Suerbaum schreibt in seinem Shakespeare-Führer: „Es ist ausgeschlossen, dass nicht Shakespeare, sondern jemand anders das Dramenkorpus verfasst hat.“ Aber er hoffe auf die junge Forschergeneration, sagt Lohse. Auf „eine Koryphäe“, die seine These aufgreife und weiter verfolge. Er selbst plant noch eine Veröffentlichung zu dem Thema, in diesem Jahr soll aber erst mal seine Übersetzung der Shakespeare-Sonette erscheinen.

Seine Schrift hat Lohse in einer 500er Auflage selbst herausgebracht, ein Verlag war nicht zu finden. Aber ihm war die Veröffentlichung wichtig. Das Dogmatische und Ideologische der herrschenden Shakespeare-Orthodoxie und die Abqualifizierung aller Abweichungen durch sie habe ihn gereizt, sagt er. „Ich vertraue auf die Zeit.“

  • „Ist Shakespeare tot? Aus meiner Autobiografie“ von Mark Twain, Stratosverlag, Band 4/2015 der Reihe Spektrum Shakespeare (herausgegeben von der Neuen Shake-speare-Gesellschaft, Hamburg)
  • „Shakespeare waren andere. Die Lösung der Autorenfrage“ von Holger Lohse, Verlag Lohse und Lohse, Lübeck 2014

Stratford oder nicht Stratford, das ist hier die Frage

Der US-amerikanische Schriftsteller Mark Twain (1835-1910) und der Lübecker Holger Lohse (67) sind nicht die einzigen, die daran zweifeln, dass Tragödien wie „Hamlet“, „Othello“, „König Lear“, „Macbeth“ oder „Romeo und Julia“ oder Komödien wie „Der Widerspenstigen Zähmung“, „Ein Sommernachtstraum“, „Die lustigen Weiber von Windsor“ oder „Wie es euch gefällt“ von einem Mann namens William Shakespeare (1564 bis 1616) stammen, einem Schauspieler und Geschäftsmann aus Stratford. Stratfordianer, die an Shakespeares Autorenschaft keinen Zweifel erlauben, und Antistratfordianer, die diverse andere Personen als Autoren vermuten, befehden sich seit dem 18. Jahrhundert. Ihr Hauptargument: Der Dichter der Shakespeareschen Werke könne kein einfacher Mann von geringer Bildung aus der Provinz gewesen sein, und es gibt so gut wie keine Original-Handschriften. Der britische Autor John Michell schreibt in seinem Buch „Who Wrote Shakespeare?“ (1996), dass „die bekannten Fakten über Shakespeares Leben (...) auf einem Blatt Papier niedergeschrieben werden könnten“.

Die gegenwärtig populärste Theorie der Antistratfordianer besagt, dass Shakespeares Werke von Edward de Vere, 17. Earl of Oxford, geschrieben wurden. Diese These ist auch Gegenstand des Filmes „Anonymus“ von Roland Emmerich aus dem Jahr 2011.

Peter Intelmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel