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Wettstreit mit Haydn und Nat King Cole

Lübeck Wettstreit mit Haydn und Nat King Cole

Geigen-Star Daniel Hope macht mit seinen „Familienstücken“ in mehreren Konzerten Ausflüge in die USA samt Jazz und Bluegrass.

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Die Klassiker: Daniel Hope (Violine), Eric Kim (Violoncello) und Simon Crawford-Phillips (Klavier) erwiesen sich als spielfreudiges und humorbegabtes Trio.

Quelle: Fotos: Erik Nielsen (2)

Lübeck. Es gab eine Ära im Jazz, in der ein Saxofonist den anderen mit Solo-Kaskaden zu übertrumpfen suchte. Dexter Gordon und Wardell Gray, Sonny Stitt und Gene Ammons lieferten sich solche „Battles“ in der Bebop-Zeit. Auch ganze Bands traten damals im Wettstreit gegeneinander an – es ging um Intensität, Virtuosität, letztlich um die Gunst des Publikums.

LN-Bild

Geigen-Star Daniel Hope macht mit seinen „Familienstücken“ in mehreren Konzerten Ausflüge in die USA samt Jazz und Bluegrass.

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So etwas Ähnliches hat Daniel Hope vorgeschwebt, als er den Auftakt zu seinen „Familienstücken“, seinem persönlichen Festival innerhalb des SHMF, konzipierte. Wie wäre es, wenn ein Klassik-Trio gegen ein Jazz-Trio antreten würde? Wenn sein Ensemble im Wechsel mit der Band des US-Pianisten Marcus Roberts Kammermusik ihres je eigenen Genres präsentieren würden?

„Man nennt das Battle, aber wir schlagen natürlich keine Schlacht“, beschwichtigt Hope die Zuhörer in der bestens gefüllten MuK-Rotunde. Um sich dann gemeinsam mit Eric Kim (Cello) und Simon Crawford-Phillips (Klavier) mit Verve in das Scherzo von Beethovens Opus 1 zu werfen. Zum strahlenden Virtuosenpart des Geigers flutet prompt Abensonnenlicht den Saal. Das Roberts-Trio kontert mit einem Klassiker: mit Fats Wallers „Ain’t Misbehavin’“ von 1929, einem Evergreen, den der Pianist zunächst sehr blueslastig interpretiert, um dann dem Swing mit einem klaren Stride-Piano-Stil im doppelten Tempo zu huldigen. Überhaupt machte dieser blinde Pianist aus jedem Stück eine kleine Suite, in die er vom Ragtime bis zum Neobop alle möglichen Varianten einzuflechten versteht.

Hopes Trio kontert mit Mendelssohn und Haydn, Roberts antwortet – ebenfalls traditionsverbunden – mit Nat King Cole. Und man kann hören: Egal, wie interpretationsfreudig die Klassiker zu Werke gehen, die Jazzer sind freier, gleichzeitig Interpreten und Stegreif-Komponisten. Allerdings kann das Hope-Ensemble mit hinreißend vorgetragenen Trio-Sätzen von Ravel und Schostakowisch beweisen, dass in seinem Revier zarte Schönheiten und auch tragische Totentänze zu entdecken sind.

Jazz pur gab es anschließend im Volkstheater Geisler, das plüschige Club-Atmosphäre bot (es fehlten allerdings Whiskey-Dunst und Zigarettenqualm). Marcus Roberts lässt hier seine Mitmusiker ausgiebig solistisch hervortreten: Schlagzeuger Jason Marsalis, Bruder der Jazzgrößen Wynton und Branford Marsalis, und Bassist Rodney Jordan, Jazz-Professor an der Florida State University. Das Trio feiert bekannte Standards in ganz eigenen Versionen, der Pianist demonstriert aber auch, dass er impressionistische Klänge ins Jazz-Idiom integrieren kann, die nach Satie und Debussy klingen.

Gestern ging das Familienfest vormittags in der erstaunlich gut klingenden Aula der Oberschule zum Dom weiter. Im Mittelpunkt standen die Mandolinisten Caterina Lichtenberg und Mike Marshall, der sich auch als Gitarrist hervortrat. Nach einem frühen Beethoven-Klavierquintett gab es Mandolinen-Virtuosentum vom feinsten. Bluegrass, Jazz, Bach-Transkriptionen und schließlich Neue Musik bewiesen, dass dieses Instrument für weitaus mehr als für schmachtende Schnulzen geeignet ist. Zum Abschluss spielte Caterina Lichtenberg auf einer Barock-Mandoline die Oboenstimme aus Bachs Konzert für Oboe und Violine – ein Erlebnis.

Im Filmpalast ließ Daniel Hope dann einen Streifen vorführen, der sich mit Musik aus dem Konzentrationslager Theresienstadt beschäftigte. Bewegend waren diese Bilder, immer wieder durch Musik unterbrochen, die in dem Lager entstanden ist. Viktor Ullman, Erwin Schulhoff und viele ander Musiker wurden dort eingesperrt. Daniel Hope reiste mit dem greisen Jazz-Gitarristen Coco Schumann nach Theresienstadt, er interviewte die damals 108 Jahre alte Pianistin Alice Herz-Sommer – ein verdienstvolles Projekt.

Im Beichthaus des Hansemuseums gab am Nachmittag Daniel Hope ein Solo. Die erfundenen Erinnerungen eines Frankfurter Kapellmeisters an Paganini waren die Basis und für Hope die Gelegenheit, Virtuosentricks der wildesten Art vorzuführen. Paganini hätte das gefreut – das Publikum war auch begeistert.

Musik unter Freunden

„Familienstücke“ nennt Daniel Hope sein Lübecker Musikfestival. Elf Auftritte absolviert er mit seiner künstlerischen Familie seit Freitag. Hope, am 17. August 1973 in Durban (Südafrika) zur Welt gekommen, hat eine besondere Beziehung zu Lübeck: Er hat an der Musikhochschule studiert, im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals hat er in den frühen 1990er Jahren Meisterkurse beim Geigen-Professor Zakhar Bron besucht und trat in Emkendorf und Wotersen bei den Musikfesten auf dem Lande auf.

Konzerte heute: „Kammermusik unter Freunden I“, Gemeinnützige (Königstraße 5-7), 14 Uhr.

„Saitensprung und Orgelpfeifen“, Werke für Violine und Orgel mit der aus Tschechien stammenden Organistin Katerina Chroboková, St. Aegidien (Aegidienstraße 75), 17 Uhr.

„Kammermusik unter Freunden II“, Evangelisch- reformierte Kirche (Königstraße 18), 19 Uhr.

mib, Fel

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