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Wie Siegfried Lenz die „Deutschstunde“ schrieb

Hamburg Wie Siegfried Lenz die „Deutschstunde“ schrieb

Die schwere Geburt des Romans – Erster Band der auf 25 Teile angelegten „Hamburger Gesamtausgabe“ liegt vor.

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Siegfried Lenz (1926-2014) veröffentlichte die „Deutschstunde“ im Jahr 1968. Sie wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Quelle: Fotos: Dpa, Imago (1)

Hamburg. Fast ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung der „Deutschstunde“ (1968) lüftet jetzt eine kommentierte Ausgabe manches Geheimnis über den Entstehungsprozess des großen Nachkriegsromans. Vier Anläufe brauchte Siegfried Lenz (1926-2014) für den Einstieg, zwei Textpassagen strich er komplett. „Das erste Jahr Arbeit an der , Deutschstunde’ war für Lenz ein Irrweg“, sagte Günter Berg, Chef der Siegfried Lenz Stiftung in Hamburg und Herausgeber des kommentierten Bandes.

Der Roman ist vor allem eine Aufarbeitung der Nazi-Zeit und eines Vater-Sohn-Konfliktes. Die „Deutschstunde“ ist der zweite Band der „Hamburger Ausgabe der Werke von Siegfried Lenz“. Die 25-bändige Werkausgabe soll in den nächsten Jahren komplett erscheinen.

Die ersten Ideen zur „Deutschstunde“ keimen 1962. Am 3. Juni 1964 notiert Lenz auf der dänischen Ostseeinsel Alsen: „Die Deutschstunde: ein pädagogischer Roman, die Strafarbeit eines schwer erziehbaren jungen Mannes, der auf Hahnöfersand, einer Insel in der Elbe, einsitzt. Seit zwei Jahren bedacht und entworfen und der Stau ist so groß, daß ich mich dem Anfang entgegenfreue.“

Doch am 1. Juni 1965 macht, eine Notiz von Lenz deutlich, dass dieser sich ein Jahr mit der Arbeit an dem neuen Roman in die falsche Richtung bewegt hatte und ihm genau zu dieser Zeit die entscheidende Wende gelungen war. Der Ostpreuße kritisierte selber seinen „idyllischen Exotismus Masurens“. „Die zwangsläufige Mündung in die Heimatliteratur hat die Deutschstunde, zumindest in der bisherigen Form, scheitern lassen.“

Aber dann heißt es: „In der neuen Deutschstunde glaube ich alles gefunden zu haben; an einem glücklichen Abend: bei steifem Nordost, knackendem Öfchen und gutem Rum saßen wir lange und sprachen über dies Buch, und gemeinsam entwarfen wir die neue Erzählung, die sich auf so selbstverständliche Weise ergeben hat: dies Land, dieser Himmel, ein Künstler und die Macht.“

Anfangs wollte Lenz seinen jugendlichen Roman-Protagonisten eine Strafarbeit zum Thema „Ein Denkmal, das ich kenne“ schreiben lassen. Schließlich muss Siggi Jepsen „Über die Freuden der Pflicht“

schreiben. In einer Arrestzelle schreibt er sich die Seele frei: Über seinen in der NS-Zeit verblendeten Vater, der als Dorfpolizist an der deutsch-dänischen Grenze ein Malverbot gegen einen befreundeten Künstler durchsetzen will – und dabei noch auf Denunziation durch den Sohn hofft. Dass Lenz dabei den Maler Emil Nolde im Blick hatte, ist bekannt. Ein Streitpunkt ist, warum Lenz Nolde wählte und wie sehr er um dessen Anbiederungen an die Nazis wusste. Diese wiederum hatten Noldes Werk dennoch als „entartet“ diffamiert.

Am 10. Februar 1968 setzt Lenz unter das Manuskript den Schlusspunkt: „Finis operis!“ (Ende der Arbeit).M. Hoenig

LN

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