Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Wie die arme Gerda doch noch ihr Glück fand

Lübeck Wie die arme Gerda doch noch ihr Glück fand

Früher hat man diese Form der Trivialliteratur „Groschenhefte“ genannt. Eine alte Form der Darbietung simpler Texte, aber nach wie vor beliebt und in hohen Auflagen auf dem Markt. Im Theater Combinale führt man seit Jahren besonders schöne Groschen-Romane halb szenisch auf. Am Mittwoch hatte eine besondere Perle der Gattung Premiere: „Kleine Mutti“, erschienen 1950.

Lübeck. Was waren das noch für Zeiten! Ein Findelkind und ein Adeliger verlieben sich – so weit zwar nicht standesgemäß, aber immerhin denkbar. Aber der Adelige, er heißt Kurt, ist ein wankelmütiger junger Mann, seine Angebetete namens Gerda ist zwar nett und ehrlich, aber ein bisschen blöd. Und so gelingt es Kurt, Gerda eine Hochzeit vorzuspielen. Das Resultat: Zwillinge. Aber dann ist Kurt plötzlich verschwunden, Gerda sitzt mit ihren Kindern allein in der einfachen, aber reinlichen Wohnung. In diesem Moment setzt die Handlung ein, die Bühne des Combinale wird zur einfachen, aber reinlichen Wohnung.

 

LN-Bild

Das Titelbild der Heftchenreihe „Kleine Mutti“ (1950).

Wolfgang Benninghoven hat die 900 Seiten des Originals auf 30 Seiten eingedampft und in Szene gesetzt, er spielt auch ein Drittel der rund 15 Rollen in „Kleine Mutti“. Andrea Gerhard und Rodolphe Bonnin sind seine Bühnen-Partner, am Klavier begleitet sie Thomas Goralczyk. Es ist eine turbulente Show, die die drei Akteure abliefern, mitreißend und temporeich. In rasender Geschwindigkeit werden die Rollen gewechselt, aus der braven Gerda wird die böse Freifrau, aus dem Erzähler der biedere Elektriker Müller und aus dem Schuft Kurt der wackere Portier. Eine großartige Leistung der drei Schauspieler, hinreißend witzig und mit vollem Körpereinsatz gespielt. Vor allem Rodolphe Bonnin ist in seiner Rolle als willensschwacher Adeliger hinreißend komisch. Er muss in seiner Rolle andauernd in Ohnmacht fallen, in tödliche Erschöpfung sinken und dabei mit den Augen rollen, dass den Zuschauern die Augen tränen – aber vor Lachen.

Andrea Gerhard ist eine liebenswerte Gerda, auch wenn sie ihren „Gatten“ um Haupteslänge überragt. In der Kernszene, als sie mit den Zwillingen in die richtige Hochzeit ihres vermeintlichen Gatten mit der bitterbösen Freifrau platzt, wechselt sie perfekt von einer Rolle in die andere. Mal Vamp, mal Unschuld vom Lande, mal lieb und ehrlich und mal intrigant und heimtückisch. Dem steht Wolfgang Benninghoven in nichts nach. Vor allem als Page „Rotschwänzchen“ ist er in Hochform, sein Elektriker Müller ist auch eine besonders witzige Handwerker-Parodie.

Die Einzelheiten der Handlung sind eigentlich Nebensache, es wird gelogen und betrogen, geschossen sogar, die Zwillinge werden entführt, Gerda wird erpresst – beste Kolportage. Oder ganz salopp formuliert: eine wundervolle Melange aus Schund und Schwachsinn, die so schlecht ist, dass man schon aus diesem Grunde lachen muss.

Zu bewundern sind die drei Schauspieler, weil sie (fast) ohne selbst in Gelächter auszubrechen ihre blödsinnigen Texte lesen. In diesen wimmelt es von Stilblüten und Sinnlosigkeiten, unfreiwillig komischen Formulierungen und sonstigen Feinheiten, die ein Lektorat hätte entfernen müssen. Das stand dem Verlag von „Kleine Mutti“ aber offensichtlich nicht zur Verfügung, und so ist dieses herausragende Werk deutschen literarischen Trivialschaffens unverfälscht auf uns gekommen. Zum Glück, denn sonst hätte es diesen atemberaubend lustigen Abend im Combinale nicht gegeben. Und man hätte nicht die Gelegenheit gehabt, sich über die Klischees der 1950er Jahre einerseits zu amüsieren, andererseits aber auch nachzudenken. Dieser Groschenroman erschien fünf Jahre nach Kriegsende, und alles war – glaubt man dem Text – eigentlich schon wieder in Ordnung, sogar die strikte Trennung der gesellschaftlichen Klassen. Weil ein Adeliger natürlich kein bürgerliches Findelkind heiraten kann, musste noch eine besondere Wendung für das Happyend gefunden werden: Gerda ist in Wirklichkeit die Tochter einer Baronin. Wie schön! Fel

Nächste Aufführungen: 1., 2., 15. und 16. November jeweils um 19.30 Uhr.

LN

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden