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Kultur im Norden Wie hast du’s mit der Religion, Parsifal?
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18:10 27.07.2018
Richard Wagner (1813-1883). Quelle: Foto: Dpa
Bayreuth

Vor zwei Jahren hatte es einen Tag vor Festspiel-Start im rund anderthalb Stunden von Bayreuth entfernten Ansbach den ersten islamistischen Selbstmordanschlag in Deutschland gegeben. Kurz vorher war auch der Amoklauf in einem Münchner Einkaufszentrum gewesen. Und in einem Zug bei Würzburg waren chinesische Touristen von einem Islamisten mit einer Axt attackiert worden. Angst überall.

Seither ist, was auf der Bühne passiert, vielleicht noch politischer geworden. Denn in dieser Zeit schockierte der Lkw-Anschlag an der Berliner Gedächtniskirche, die AfD sitzt im Bundestag, Innenminister Horst Seehofer (CSU) rechnete den Islam nicht zu Deutschland, und Markus Söder als sein Nachfolger im Amt des bayerischen Ministerpräsidenten verordnete staatlichen Behörden Kreuze.

Passenderweise wird Christus im ersten Akt des „Parsifal“ ans Kreuz gehängt, wieder abgenommen und verhüllt – je nach Bedarf. Flüchtlinge, die auf Feldbetten Kirchenasyl gefunden haben, müssen gehen, damit die Christen in der Gralskirche ihre religiösen Riten ungestört zelebrieren können. Die Kirche befindet sich in einem Kriegsgebiet im Nahen Osten.

Regisseur Laufenberg sagt im Programmheft, es sei „völlig dumm“, religiöse Symbole, „die so verschieden und politikfremd aufgeladen sind, für politische Zwecke zu missbrauchen“. Der Regisseur empfiehlt dem christ-sozialen Politiker Söder, die „Parsifal“-Inszenierung anzuschauen und das Kreuz „mit anderen religiösen Symbolen im Alltag eine Weile ruhen zu lassen“, damit man sich auf „humane Politik“ konzentrieren könne. Damit ist die Grundausrichtung der Inszenierung gut auf den Punkt gebracht: Echte Harmonie und Frieden gibt es nur ohne Religion.

So ist die Kirche im dritten Aufzug eine Ruine. Dahinter kommt das Paradies zum Vorschein, nackte Evas duschen unter tropischem Wasserfall. Nur die Überreste dieser Kirche trüben den Blick auf den Garten Eden. Es ist vor allem diese Szene, die Laufenbergs Kritiker zu kitschig finden.

Noch deutlicher wird die Inszenierung in der berühmten Erlösungsszene: Muslime, Juden und Christen beerdigen ihre religiös (und politisch) aufgeladenen Symbole und bewegen sich zusammen in Richtung eines gleißenden Lichts – gemeinsame Erleuchtung ohne Religion.

Laufenberg hat seit der ersten Aufführung an seiner Arbeit gefeilt. So ist die über der Bühne thronende Gestalt ein kleiner Junge. Dieser hält etwas, das an einen Bischofsstab erinnert, der ihm zu groß ist. Dass die Inszenierung in den vergangenen Jahren an Brisanz gewonnen hat, liegt aber wohl eher in den äußeren Umständen als in veränderten Details begründet.

Dennoch kommt Laufenbergs streckenweise gleichermaßen plakative wie langatmige Interpretation in ihrem dritten Jahr beim Publikum nicht mehr ganz so gut an wie bei der Premiere. Der Regisseur muss am Donnerstagabend einige Buhs einstecken.

Das mag auch an der fehlenden Dunkelheit liegen, denn Laufenberg dreht im weiten Zuschauerrund des Festspielhauses das Licht auf, wenn das Orchester am Ende dieses langen Bühnenweihfestspiels flirrend den Klangteppich für einen Weg in andere Welten auslegt und ätherische Chorstimmen aus der Höhe dazu „Erlösung dem Erlöser“ verkünden. Selbst wann man Laufenbergs pseudo-aufklärerischen Blick auf Religionen folgen mag: Um diesen nun überbelichteten musikalischen Wagner-Glücksmoment ist es schon schade.

Umso mehr, weil der neue „Parsifal“-Dirigent Semyon Bychkov die Musik sehr elegant in Fluss halten und zur richtigen Zeit zum Schweben bringen kann. Das beginnt schon im Vorspiel, das zart und teilweise überraschend detailscharf in die ferne Welt der Gralsritter einführt. Allerdings ist auch hier schon am gelegentlich brüchigen Kontakt zwischen Streichern und Bläsern zu hören, dass Bychkov den Schlüssel, der die spezielle Akustik im Festspielhaus aufschließt, noch nicht gefunden hat. Immer wieder gibt es kleinere Balanceprobleme auch im Verhältnis zur Bühne. Selbst der fabelhafte Chor, von dem man eigentlich nicht genug hören kann, erscheint so gelegentlich zu laut.

Trotzdem hat der Abend vor allem musikalisch viel zu bieten. Allein der liedhaft fein gestaltete Gesang von Günther Groissböck etwa hilft sehr dabei, über die geschwätzige Leere von Laufenbergs Inszenierung hinwegzukommen. Anders als der Regisseur, der mit (zu) vielen Bildern und Symbolen vom vermeintlichen Verfall der Weltreligionen raunt, ist Groissböck als Gurnemanz ein klarer und vitaler Chronist des Geschehens. Er verbindet Textverständlichkeit und musikalische Gestaltung mit dem balsamischen Strömen einer wirklich großen Stimme. Im kommenden Jahr wird er deren Möglichkeiten noch weiter ausreizen können: Nach vielen Produktionen mit Bassbaritonen wird mit Groissböck wieder ein echter Bassist den Wotan im nächsten Bayreuther „Ring“ singen. Man kann sich darauf freuen.

Aufhorchen ließ auch Bayreuth-Debütant Tobias Kehrer in seinen kurzen, aber eindringlichen Auftritten als Titurel, Thomas J. Mayer wirkte als etwas zu schmerzverzerrter neuer Amfortas dagegen etwas nervös. Elena Pankratova erscheint trotz fabelhaft offener Stimme als Kundry mit sonderbar theatralischen Gesten und starken russischem Akzent manchmal wie eine Karikatur ihrer Partie. Andreas Schager ist dagegen ein souverän-kraftvoller Titelheld, Derek Welton als Klingsor sein viriler Gegenspieler.

Noch bis zum 29. August

„Parsifal“ ist Richard Wagners letzte Oper. Das Weihefestspiel um den Gralskönig Amfortas und den reinen Tor Parsifal, der ihn von seiner Qual erlöst, wurde 1882 in Bayreuth uraufgeführt. Im Jahr darauf starb der Komponist.

Gestern sind die Wagner-Festspiele mit „Tristan und Isolde“ fortgesetzt. worden. Regie führte die Wagner-Urenkelin und FestspielChefin Katharina Wagner. Die Inszenierung wird in ihrem vierten Jahr auf dem Grünen Hügel aufgeführt. Wagner entwirft dabei ein sehr düsteres Bild von einer Liebe ohne Ausweg.

Am Pult stand Christian Thielemann, der mit dem „Lohengrin“ auch schon die diesjährige Eröffnungspremiere dirigierte. In den Titelrollen waren Stephen Gould und Petra Lang zu sehen. Als Wiederaufnahmen folgen noch „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Der fliegende Holländer“ und „Die Walküre“. Die Festspiele enden am 29. August.

Britta Schultejans und Stefan Arndt

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