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Wie hohe Dramatik zu Kitsch gerinnt

Hamburg Wie hohe Dramatik zu Kitsch gerinnt

Richard Strauss' Oper „Die Frau ohne Schatten“ an der Staatsoper Hamburg.

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Die Versuchung kommt als junger Mann: Lise Lindstrom als Baraks Weib, Alex Kim als „Erscheinung des Jünglings“ und Linda Watson als Amme (v.l.) mit dem Chor.

Quelle: Foto: Markus Scholz/dpa

Hamburg. Nach einem langen Abend voller musikalische Wucht, voller Hochdramatik und lärmendem Pathos an der Staatsoper Hamburg solch ein einfältiges Ende: Kinder in bunten T-Shirts werfen sich Bälle zu, spielen Fangen und gebärden sich überhaupt wie Angehörige der Familie Mustermann aus dem Baumarkt-Katalog. Vorn an der Rampe verlustieren sich derweil zwei sehr unterschiedliche Paare in finalen Liebesschwüren, „beide in prüfenden Flammen gestählt“ und in Erwartung von Mutter- und Vaterschaft, während der Chor der Ungeborenen von Ferne befiehlt: „Hört, wir gebieten euch: ringet und traget, dass unsere Lebenstag herrlich uns taget.“

Darum ging es vier Stunden lang in Richard Strauss’ und Hugo von Hofmannsthals monumentaler Oper „Die Frau ohne Schatten“, entstanden während des Ersten Weltkriegs: dass Eheleute gefälligst Kinder zeugen sollen, dass sie einen Beitrag zu leisten haben zum ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Mehr noch: dass Liebende nicht sich selbst genügen dürfen und Mutterschaft die wahre Bestimmung der Frau ist. Von Sexualität ist nicht die Rede.

Man kann dieses Konzept nicht negieren, wenn man „Die Frau ohne Schatten“ auf die Bühne bringt. Doch von einem Großregisseur wie Andreas Kriegenburg hätte man erwartet, dass er am Ende ein paar Brüche in dieses Menschen- und Familienbild aus der Kaiserzeit einbaut, zumal seine Inszenierung aus dem Vollen schöpfen kann und an der Staatsoper als Renommierstück der Saison angelegt ist.

Bühnenbildner Harald B. Thor hat ganz unbescheiden auf drei Ebenen Spielflächen geschaffen, die die Hierarchie der Welten vorgeben und immer wieder hoch- und hinunterfahren. Ganz oben das Geisterreich, wo ein jagdlustiger Kaiser und seine unglückliche Kaiserin, die keinen Schatten wirft, ganz in Weiß und von einem engelhaften Hofstaat umgeben im Hellen leben. Ganz unten haust der Färber Barak, ein einfältiger Kerl, der alle Mühseligen und Beladenen in sein Domizil einlädt, samt seiner gebärunwilligen Frau. Hier ist alles schmutzig und Grau in Grau, und man kann sich schon einmal fragen, was hier ein Färber zu färben hat. Ein Stangenwald, dessen Stämme wie verkantete Mikadostäbe die Ebenen durchstechen, und eine Wendeltreppe verbinden die Ebenen.

Die Oper kennt keine Ouvertüre, Kriegenburgs Auftakt ist schlicht: Die über ihr Schicksal klagende Färberfrau („Zu viel, zu viel“) wirft sich auf ein Lager am Rande der Bühne und rettet sich in einen unruhigen Schlaf. Ist nun alles, was wir sehen, nur ihr Traum?

Die Härte und Gewalt von Strauss’ Musik holt das Geschehen nach ganz oben, wo die Amme, eine Art weiblicher Mephisto, die Fäden zieht. Sie geleitet die Kaiserin hinab in die Menschenwelt, wo sie sich einen Schatten erwerben soll, weil sonst ihr Kaiser versteinert. In Hofmannsthals kleiner Symbolkunde ist dieser Schatten gleichbedeutend mit Fruchtbarkeit.

Die gesamte Handlung ist mit den Begriffen Märchen oder religiöses Mysterienspiel nur unzureichend benannt, sie ist etwa so phantastisch wie in Wagners „Parsifal“. Die Erlösung besteht im Entsagen der Frauen auf ein Eigenleben zugunsten der Unterwerfung unter die Mutterschaft. Kriegenburg und seine Kostümbildnerin Andrea Schraad bedienen sich optisch bei asiatischer Exotik, was die Fabel und auch die Musik, die oft am Rande der Tonalität wandelt, noch entrückter erscheinen lässt.

Ach, die Musik: Strauss malt mit einem herrischen Pinsel in satten Farben. Aus dem Orchestergraben, wo Generalmusikdirektor Kent Nagano das Philharmonische Staatsorchester zu immer neuen Attacken anstachelt – kammermusikalische Momente sind selten –, kommt für die Sänger eine lautstarke Herausforderung: Gegen den riesigen Apparat müssen sie sich mit Strahlkraft behaupten. Und sie sind durch Partien gefordert, die geradezu hysterische Intervalle und wenig kantable Linien vorsehen. Das schaffen sie allesamt. Besonders Andrzej Dobler als Färber Barak offenbart mit seinem warmen Bariton einen differenzierten Ausdruck zwischen Wutausbrüchen und inniger Zuneigung zu seiner Frau. Sopranistin Lise Lindstrom singt diese mehreren Versuchungen ausgesetzte Gattin mit sinnlicher Hingabe.

Unter den Frauen sticht Linda Watson als Amme hervor. Sie gestaltet ihre Rolle nicht nur mit einem die Szene dominierenden Mezzosopran, sondern auch mit Mut zum darstellerischen Zynismus. Um dämonisch zu wirken, muss sie nicht grimassieren, es genügt ein stoisches Lächeln. Roberto Saccà als Kaiser, Emily Magee als Kaiserin und all die anderen Spitzenkräfte, die die Staatsoper aufbietet, gestalten ihre Rollen mit mitreißender Intensität, so dass die Phantasiewelten von Strauss und seinem Librettisten Hofmannsthal zunehmend an Plausibilität gewinnen.

Nur eben die bunte Schlussszene – diese stößt das Publikum in ein Diesseits zurück, in dem das zuvor mit großem Aufwand aufgeschichtete, schwerromantische Drama und packende Musikspektakel zu Kitsch gerinnt.

Die vierte Oper

„Die Frau ohne Schatten“ ist die vierte von sechs Opern von Richard Strauss (1864- 1994), deren Libretto von Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) stammt. Das 1911 begonnene Werk wurde wegen des Weltkrieges erst 1919 in Wien uraufgeführt. „Frau ohne Schatten“ gilt als letzte romantische Oper der Musikgeschichte.

Weitere Aufführungen an der Staatsoper Hamburg: 23. und 29. April, 4. und 7. Mai.

Michael Berger

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