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Willemsens Welt in Texten und Tönen

Pronstorf Willemsens Welt in Texten und Tönen

Walter Sittler, Franziska Hölscher und Marianna Shirinyan erinnerten humorvoll an Roger Willemsen.

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Vorleser Walter Sittler.

Pronstorf. Wie lange er uns noch hätte begleiten können – mit seinen spitzfindigen Texten, solchen, wie man sie nur nach genauer Beobachtung zustande bekommt? Das Gefühl des Vermissens gegenüber dem so früh verstorbenen Roger Willemsen war es sicher, was so viele Zuhörer zu dieser Hommage nach Pronstorf kommen ließ. Doch damit so ein Abend gelingt, müssen die außerordentlichen Texte auch ungewöhnlich gut präsentiert werden – und genau das geschah vor ausverkauftem Haus.

Bestseller-Autor

Roger Willemsen (1955-2016) war Publizist, Fernseh- und Radiomoderator und einer der wirkungsmächtigsten Intellektuellen in Deutschland. Seine Sachbücher wie „Die Enden der Welt“ (2010) oder „Das Hohe Haus: Ein Jahr im Parlament“ (2014) erzielten hohe Auflagen. Der Band „Wer wir waren“ steht immer noch auf der „Spiegel“-Bestsellerliste.

Man werde kaum merken, dass der Schauspieler Walter Sittler für seine Kollegin Maria Schrader nur habe einspringen müssen, versprach der Hausherr, Hans-Caspar Graf zu Rantzau. Und man konnte mit diesem Rezitator in der Tat vollauf zufrieden sein: Sittler las die Willemsen-Texte nicht nur vom Blatt, er spielte die Charaktere, lebte in den verstiegenen Geschichten, wie Willemsen sie von seinen zahlreichen Reisen mitgebracht hatte. Dazu war eine kongeniale musikalische Unterstützung zu erleben: Franziska Hölscher an der Geige und Marianna Shirinyan am Klavier. Zusammen mit der Geigerin hatte Roger Willemsen das Programm „Landschaften“ noch kurz vor seinem Tod im Februar 2016 selbst erarbeitet – und so war es kein Wunder, dass der Bogen sich spannend spannte zwischen Klang- und Sprachlandschaften. Bevor Sittler die Beschreibung Willemsens über das moderne Sofia las, erklang Bartóks „Tanz mit dem Stabe“, vor den „Bayerischen Devotionen“ des Autors gab es Richard Strauss’

Sonate in Es-Dur für Violine und Klavier und – na ja, klar: Was sollte besser zu Berliner Bahnhofs- und U-Bahn-Szenen passen als der Blues-Satz aus Ravels Sonate in G-Dur für Violine und Klavier? Da wurde der geradezu schrammelnde Geigenbogen zum Bottleneck-Finger des Blues-Gitarristen, da spielte die Pianistin ihre rhythmischen Akkorde, als würde ein Jazz-Schlagzeuger vorsichtig mit den Besen rühren.

Das Besondere an diesem Abend war aber auch, dass dieses Trio aus Schauspieler, Violinistin und Pianistin nicht nebeneinander her agierte, sondern stets aufeinander einging, genau verfolgte, was der andere gerade vollführte, dass man mitging, mit applaudierte. So, wenn Franziska Hölscher begeistert mit dem Geigenbogen klopfte, wenn ihr eine Solopassage der Kollegin am Klavier besonders gefallen hatte. So, wenn Marianna Shirinyan sich vor Schmunzeln über Sittlers Vorstellung des urtypischen Bayern (Wilhelmsen: „Entweder königlich, traditionell, Hof- oder Ur-Bayer“) kaum einkriegen konnte.

Oder wenn Sittler die Geigerin lobte: „So viele Töne in so kurzer Zeit. Ich versuche mal, da mitzuhalten.“ Es gelang ihm.

Bei allem Spaß an diesem Abend verdrückte doch so manch einer am Ende eine Träne über den frühen Tod des Roger Willemsen. Und dabei wollte der doch in Berlin den Punks beim Aussterben zusehen.

Lothar Hermann Kullack

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