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Wir alle sind der „Geizhals“

Schwerin Wir alle sind der „Geizhals“

Schweriner Theater spielt Neubearbeitung des Klassikers von Molière.

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Jochen Fahr ist der Geizhals, ihn bedrängen Sonja Isemer (Tochter) und Klaus Bieligk (Jacques).

Schwerin. Hinten auf der mit Silberfolie bespannten Wand im Cinemascope-Format spiegelt sich alles: der Bühnenraum, die Schauspieler, das Parkett, die Ränge — und fast jeder einzelne Zuschauer. Ein unmissverständlicher Hinweis darauf, dass wir selbst es sind, die hier gemeint sind. Und tatsächlich geht es uns ja alle an, wenn von dem die Rede ist, was die Welt regiert:

Geld. In Molières Komödie „Der Geizige“ ist von nichts anderem die Rede und auch nicht in der aktualisierten Fassung von Marc von Henning mit dem drastischeren Titel „Geizhals“.

Im Zeichen der galoppierenden Finanzkrise ist das Thema besonders heiß, und trotzdem lässt einen die Inszenierung im Großen Haus des Schweriner Staatstheaters anfangs ziemlich kalt. Das liegt vor allem daran, dass sich der auch Regie führende Stückbearbeiter ein dramaturgisches Gerüst ausgedacht hat, das statuarischen Stillstand auf der Bühne provoziert. Die Figuren sitzen nämlich im Halbkreis um einen Mediator (Sebastian Reusse) herum, der sich bemüht, die von Geldgier befeuerten Konflikte beizulegen. Er scheitert, und die Mediation endet alsbald in einer Saalschlacht, bei der die Fetzen fliegen.

Das ist die Stunde der Schauspieler. Sie dürfen nun lustvoll auf die Pauke hauen. Vor allem der Geizige selbst, hier zum norddeutschen Reeder namens Louis Haferkorn mutiert und von Jochen Fahr bravourös dargestellt, zeigt in komödiantisch ätzender Schärfe, dass für ihn Reichtum alles bedeutet und der Mensch nichts. Deshalb erregt er sich bis zur Weißglut über seine Kinder Elise und Konrad (bei Molière: Cléante), die als Müßiggänger einer neuen Jeunesse dorée sein Liebstes, sein Geld, verprassen. Pointiert zeichnen Sonja Isemer und Christoph Bornmüller zwei Figuren der heutigen Latte-macchiato-Generation — sie ein attraktives Girlie in Shorts und auf High Heels, er ein lässig verlotterter Pseudokünstler. Um dieses familiäre Dreigestirn herum weitere Glanzlichter: Lucie Teisingerova als sehr cool sich gebende Finanzberaterin, Brigitte Peters als hinreißend derbe Ehevermittlerin, Kai Windhövel als finster mafioser Viktor alias Valère, Speichellecker des Geizigen und Geliebter Elises.

Zum Schluss dann kein scheinbares Happy End wie im Urtext, sondern eine Orgie der Raffgier. Fast alle stürzen sich wie von Sinnen auf das Geld, das aus dem geklauten und nun wieder aufgetauchten Koffer des Geizigen quillt. Nur die Hauptperson muss, gefesselt an einen Stuhl, dem irrsinnigen Treiben hilflos zusehen, und ein anderer, nämlich Viktor, geht stumm davon, angewidert nicht zuletzt von Elise, die nach Banknoten grapschend auf dem Boden herumkriecht. Der windige Bursche ist der einzige, dem die Liebe wichtiger ist als das Geld.

Nächste Vorstellung: Freitag, 13. September, 19.30 Uhr.

Hermann Hofer

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