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„Wir bieten allen Stars das Gleiche: nix“

„Wir bieten allen Stars das Gleiche: nix“

Berlinale-Chef Dieter Kosslick über Jury-Präsidentin Meryl Streep und die Probleme mit den Oscar-Kandidaten.

Herr Kosslick, läuft alles nach Plan im 15. Berlinale-Dienstjahr?

Dieter Kosslick: Routine hilft — aber nicht immer. Als wir endlich unser Festivalprogramm in Druck geben wollten, erfuhren wir, dass der israelische Ministerpräsident Netanjahu ausgerechnet am Berlinale- Montag im Waldorf-Astoria gegenüber vom Zoo-Palast logiert. Alles wird zwei Tage abgesperrt, da ist kein Durchkommen. Und wir hatten eine große Premiere geplant.

Haben Sie Netanjahu umquartiert?

Kosslick: Hätten wir gerne getan. Nun gehen wir mit Julianne Moore und ihrer New-York-Komödie in ein anderes Kino. Das war Pech, aber wir hatten auch viel Glück.

Zum Beispiel mit Ihrer Jury-Präsidentin. Wie haben Sie Meryl Streep überredet, zehn Tage lang Wettbewerbsfilme zu sichten?

Kosslick: Die Frage ist, ob sich Meryl Streep anfangs darüber im Klaren war, dass sie nun 18 Filme gucken muss. Sie sitzt zum ersten Mal in einer Jury. Vor vier Jahren bekam sie den Ehrenbären.

Ein Begeisterungssturm brandete ihr entgegen. Sie sagte, sie wolle gerne länger in Berlin bleiben. Nun tut sie‘s.

Die Coen-Brüder mit der Komödie „Hail, Caesar!“ zur Eröffnung: Wie ist Ihnen dieser Coup geglückt?

Kosslick: Es hat ein Jahr gedauert, aber dann hat alles gepasst: Der Film war zum richtigen Zeitpunkt fertig, und ich kenne die Coens. Mit dem Studio Universal haben wir freundschaftliche Kontakte.

Halb Hollywood spielt in „Hail, Caesar!“ mit: Kommen alle Stars?

Kosslick: Viele. George Clooney kommt und bringt seine Frau Amal Alamuddin mit. Tilda Swinton und Channing Tatum erwarten wir, ebenso Josh Brolin und einige andere. Scarlett Johansson kann nicht, sie dreht gerade.

Was müssen Sie einem verwöhnten Star bieten, damit er aufläuft?

Kosslick: Wir bieten allen das Gleiche: nämlich nix. Das könnten wir nie bezahlen. Sonst würden wir die Berlinale kurz eröffnen, Häppchen servieren und gleich wieder schließen, weil das Budget von 23 Millionen Euro aufgebraucht wäre. Wir bieten etwas anderes: weltweite Aufmerksamkeit, den roten Teppich, ein begeistertes Publikum und fast 4000 Journalisten.

Kommt der Wahl-Russe Gérard Depardieu?

Kosslick: Oh ja! Er ist gleich mit zwei Filmen dabei, einer davon ist die Vater-Sohn-Komödie „Saint Amour“ im Wettbewerb. Depardieu hat mich angerufen und gesagt: Dieter, ich möchte auf deinen tapis rouge. Ich habe gesagt: Oui, avec grand plaisir.

Nervt Sie das steigende Bedürfnis nach Glanz und Glamour?

Kosslick: Nein, wir brauchen die Öffentlichkeit, und die kriegen wir über die Stars. Wir müssen die Zuschauer ja locken. Bei uns gibt‘s kein Popcorn und keine Cola. Wenn das Festival gut läuft, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Filme. Nur so kann die Berlinale funktionieren, die mit mehr als 500000 Kinobesuchen in elf Tagen das weltweit größte Publikumsfestival ist.

Wieso ist es so kompliziert, Oscar-Kandidaten zur Berlinale zu holen?

Kosslick: Manchmal funktioniert es doch, denken Sie an „Grand Budapest Hotel“ oder „Boyhood“. Aber es stimmt: Durch die Vorverlegung des Oscars um einen Monat ist die Zeit zwischen Festival und Oscar zu kurz. Zudem müssen Oscar-Kandidaten wie Quentin Tarantinos „The Hateful 8“ im US-Kino gelaufen sein, um nominiert zu werden. Aus Angst vor Internet-Piraterie starten die Studios ihre Filme dann lieber gleich in vielen Ländern und dann sind sie out für die Berlinale.

Wie füllen Sie die Lücken?

Kosslick: Wir haben Filme, über die mindestens ebenso viel gesprochen wird — zum Beispiel Spike Lees Chicago-Musical „Chi-Raq“. Hier wird heftig diskutiert, warum es nicht für den Oscar nominiert ist.

Neben Spike Lee haben Sie auch den Unruhestifter Michael Moore eingeladen. Wird es politisch auf dem roten Teppich?

Kosslick: Mal sehen, was Spike Lee sagt. Der Ärger in Hollywood ist ja groß, dass keine schwarzen Regisseure und Schauspieler für den Oscar nominiert wurden. Michael Moores „Where to invade next?“ ist eine witzige Komödie, aber natürlich durchaus politisch.

Wieso war es so schwierig, deutsche Filme für den Wettbewerb zu finden?

Kosslick: Wir hatten uns schon früh für das Schwangerschaftsdrama „24 Wochen“ von der Nachwuchsregisseurin Anne Zohra Berrached entschieden.

Wo ist Tom Tykwers „Ein Hologramm für den König“ mit Tom Hanks abgeblieben?

Kosslick: Den hätten wir gerne gezeigt. Auch Tom wollte das. Am Ende hat es nicht geklappt. Und so groß war die Auswahl nicht. Dennoch: Im Gesamtprogramm laufen mehr als 70 deutsche Filme, im Wettbewerb sind noch zwei deutsche Koproduktionen, eine davon die Fallada-Verfilmung „Alone in Berlin“. Interessant ist auch die Weltpremiere des Anne-Frank- Films von Hans Steinbichler im Jugend-Programm „Generation“. Junge Leute können die berühmte Tagebuch-Schreiberin, dargestellt von Lea van Acken, für sich entdecken.

Verschärfen Sie die Sicherheitsvorkehrungen?

Kosslick: Wir stehen in engem Kontakt mit den zuständigen Sicherheitsbehörden und verfolgen die weltpolitischen Ereignisse sehr genau. Unser Sicherheitskonzept wird entsprechend umgesetzt, aber ich hoffe, dass wir nicht wie am Flughafen enden.

Also sind Metalldetektoren vor dem Kino eine Option, so wie bereits üblich in Cannes?

Kosslick: Wir haben Scanner parat. Ich hoffe, wir brauchen die Dinger nicht.

Interview: Stefan Stosch

LN

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