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„Wir haben etwas Schönes geschaffen“

Lübeck „Wir haben etwas Schönes geschaffen“

Die Red Hot Chili Peppers bringen heute ihr elftes Studioalbum „The Getaway“ heraus. Wir sprechen darüber mit Flea (53, bürgerlich Michael Balzary), der Überraschendes mitzuteilen hat.

Lübeck. Flea, geht es Ihnen gut?

 

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Red Hot Chili Peppers: Schlagzeuger Chad Smith (von oben), Gitarrist Josh Klinghoffer, Sänger Anthony Kiedis und Bassist Flea.

Quelle: Steve Keros/warner
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Flea: Ehrlich gesagt: nein. Meine Freundin und ich, wir haben uns getrennt am Wochenende, jetzt bin ich ganz schön traurig. Aber ich versuche tapfer zu sein.

Nur gestritten oder richtig Schluss?

Flea: Richtig Schluss. Ja, scheiße.

Jetzt stürzen Sie sich in die Arbeit?

Flea: Das Leben muss weitergehen.

Wie lange bleiben Sie in Paris?

Flea: Nur zwei Tage, dann fliege ich für eine Woche nach Hause, um mich um den ganzen Mist mit der Trennung zu kümmern. Ist mal ein bisschen eine andere Art, die Veröffentlichung eines Albums zu feiern.

Die Chili Peppers haben in zehn Tagen fünf Festivals gespielt. Wie locker steckt die Band das weg?

Flea: Das ist ein Arsch voll Arbeit. Viel Energie ist nötig, um Abend für Abend vor 80000 Leuten zu spielen. Das sind Menschen, die mir etwas bedeuten, und unsere Musik bedeutet mir auch sehr viel, also gibt man wirklich alles. Mit dieser Band ein großes Werk zu vollbringen, das ist die Mission meines Lebens. Es gibt Zeiten, da ist es wirklich brutal hart, diese Power aufzubringen.

Es gibt Abende, an denen bin ich einfach hundemüde.

Gibt ihnen das Publikum Kraft?

Flea: Auch. Aber noch mehr Kraft bekomme ich beim Spielen selbst. Die Musik kommt von einem heiligen Ort zu mir, ich lasse mich von ihr bewegen, überraschen und überwältigen.

Von einem heiligen Ort?

Flea: Ich kann Ideen nicht herbeizaubern, ich kann sie erst recht nicht abblocken. Sie übernehmen bei mir das Regiment. Songschreiben ist wie surfen. Du weißt nicht, wann die nächste Welle kommt, aber du kannst dich auf den Moment vorbereiten, wenn es passiert. Das heißt: Die Finger müssen gut durchblutet, der Kopf frei, der Körper bereit sein.

Sie malen auf „The Getaway“ mit einer sehr großen Palette an Farben. Das Album klingt reichhaltig, detailliert und oftmals für Chili-Peppers-Verhältnisse recht sanft.

Flea: Ich selbst kann es noch extrem schlecht einschätzen, was wir da eigentlich genau gemacht haben. Ich weiß nur, dass wir etwas wirklich Schönes geschaffen haben. Wie das Album bei den Leuten ankommen wird, kann ich überhaupt nicht beurteilen. Ich kann aber sagen: Für mich klingt diese Platte nach Bewegung, nach Veränderung und nach Entwicklung. Wir sind als Band gewachsen, und das höre ich in diesen Songs.

Wie wichtig ist Ihnen der Verkaufserfolg von „The Getaway“?

Flea: Will ich, dass diese Platte ein verfluchter, gigantischer Erfolg wird? Fuck, ja, und ob ich das will! Wie phantastisch wäre es doch, als Band noch einmal ein kulturelles Phänomen zu sein. Den Zeitgeist abzubilden. Doch ich glaube eher nicht, dass das geschehen wird.

Naja, unwahrscheinlich, dass die Chili Peppers auf ihre alten Tage noch einmal der neue, heiße Scheiß werden, oder?

Flea (lacht): Ja, äußerst unwahrscheinlich sogar. Wir sollten besser nicht darauf warten. Ich rechne auch nicht damit.

Ist es überhaupt möglich, dass Musiker in ihren Fünfzigern noch einmal total hip werden?

Flea: Wir sind in einem ungünstigen Alter. Wenn wir noch zehn oder 20 Jahre durchhalten, finden uns bestimmt alle wieder supercool. Bei uns war die heißeste Phase seinerzeit mit der „Blood Sugar Sex Magik“-Platte 1991 erreicht, immerhin gab es uns da schon seit acht Jahren. Als die Peppers so groß wurden, ging es nicht mehr nur um die Musik. Die Musik war gut, keine Frage, wir hatten unseren ganz eigenen Sound kreiert, aber es ging weit darüber hinaus: Die Tattoos, die Socken über unseren Penissen, und, und, und. Die Red Hot Chili Peppers waren eine Erscheinung. Dann hat sich diese Aufregung wieder gelegt. Wir haben weitere Alben gemacht, ohne eine kulturelle Sensation zu sein. Es ging einzig noch um die Musik, und die Musik war gut. Nur weil die Musik gut ist, sitzen wir heute noch hier. Sie hatte Kraft, und sie hat die Menschen berührt.

Sie tut es bis heute. Ich komme gerade aus der „Fanzone“ vor dem Eiffelturm. In der Halbzeitpause haben sie „Californication“ gespielt.

Flea (schmunzelt): Super. So etwas freut einen natürlich.

Warum habt ihr Brian „Danger Mouse“ Burton als Produzenten des neuen Albums verpflichtet?

Flea: Aus vielen Gründen. Der wesentliche Grund war, dass wir es uns mit Rick Rubin ziemlich gemütlich gemacht hatten. Zu gemütlich. Wir wollten einen neuen Weg finden, unsere Songs umzusetzen, und dazu war ein anderer Produzent notwendig. Brian hat uns dazu gebracht, Dinge zu tun, die wir vorher so nicht getan haben. Der ganze Aufnahmeprozess war anders, was uns sehr gut getan hat.

Was konkret ist der Unterschied zwischen den beiden Produzenten?

Flea: Mit Rick haben wir alles im Probenraum entwickelt und sind dann mit den fertigen Arrangements ins Studio gegangen, um unsere vorbereitete Musik dort aufzunehmen. Brian jedoch hat alles erst im Studio entstehen lassen, quasi das Studio mit uns drin als Instrument benutzt. Auf diese Weise erklären sich die vielen Schichten und Ebenen in den Songs.

Ist das ein bisschen so, als wenn man sich nach 25 Jahren von seiner Frau trennt, um mit einer jungen Geliebten zusammen zu sein?

Flea: Oje, hätten Sie mich das vor ein paar Tagen gefragt, dann wäre meine Antwort wahrscheinlich gewesen: Ja, ungefähr kann man das vergleichen. Aber hier und jetzt und aufgrund meiner jüngsten Erfahrungen kann ich ganz klar sagen: Nein, es ist überhaupt nicht so. Wir sind immer noch mit Rick befreundet, er hat die Entscheidung auch verstanden.

Anthonys Texte auf dem neuen Album drehen sich vornehmlich um seine Trennung von dem Model Helena Vestergaard.

Flea: Ja, das tun sie wohl. Ist mir nicht verborgen geblieben (lacht).

Sie haben vor kurzem gesagt, dass Rockmusik tot sei und dafür heftige Reaktionen im Internet bekommen. Hatten Sie damit gerechnet?

Flea: Nein (lacht). Ist mir auch komplett egal, was andere zu dem Thema denken. Es ist nun einmal so, dass Rockmusik eine ziemlich altgewordene Kunstform ist. Die herausragende Rockmusik passierte zwischen den 50er und den 80er Jahren, vielleicht noch ein wenig in den frühen Neunzigern. Aber seit Grunge ist Schluss. Also, egal, was die Leute von mir halten, ich stehe zu meiner Aussage: Rock’n’Roll ist tot.

„The Getaway“

Befürchtungen oder Hoffnungen, mit dem neuen Produzenten Danger Mouse würden die Chili Peppers jetzt komplett anders klingen als mit dem alten Produzenten Rick Rubin, stellen sich als weit übertrieben heraus. Anthony Kiedis’ leidenschaftlich-liebeskranke Lyrik ist noch da, genauso Fleas Funk-basiertes Bassspiel.

Was neu ist: Über den 13 Songs liegt eine grundsätzliche Softrockigkeit, von der man nicht weiß, ob sie Danger Mouse oder dem Alter geschuldet ist. Man fühlt sich zuweilen, etwa bei „The Hunter“ oder auch dem sehr sanften „The Longest Wave“ an Bands wie Steely Dan oder gar The Eagles erinnert, folgerichtig ist Elton John auf „Sick Love“ als Gastpianist dabei.

Kernig klingen nur „We Turn Red“, „This Ticonderoga“ sowie das rhythmisch-kurzweilige „Go Robot“. So ist „The Getaway“ („Die Flucht“) eine hübsche, vielleicht ein wenig zu hübsche Platte geworden.

Interview: Steffen Rüth

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