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„Wir leben in einer Zwischenzeit“

Lübeck „Wir leben in einer Zwischenzeit“

Jenny Erpenbeck wurde mit dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet.

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Bürgermeister Bernd Saxe (links) mit Preisträgerin Jenny Erpenbeck und Michael Krüger, Präsident der bayerischen Akademie der Schönen Künste.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Jenny Erpenbeck (49) ist nicht nur eine herausragende Regisseurin und Schriftstellerin. Sie ist auch eine bekennende Liebhaberin des Werkes von Thomas Mann. Auch deshalb traf die Jury eine richtige Entscheidung, Jenny Erpenbeck mit dem Thomas- Mann-Preis der Hansestadt Lübeck und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste auszuzeichnen. In den Kammerspielen des Lübecker Theaters verglich die Autorin diese politisch so unruhige Zeit mit der Epoche nach dem Ersten Weltkrieg – eine alles andere als hoffnungsvolle Perspektive.

LN-Bild

Jenny Erpenbeck wurde mit dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet.

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„Ich wollte schon als Kind den ,Zauberberg‘ lesen, aber mein Vater war der Meinung, das Buch sei noch zu schwierig für mich“, sagte Jenny Erpenbeck bei der Preisverleihung in ihrer Dankesrede. „Als dann die DDR unterging, war ich in meiner Thomas-Mann-Lektüre gerade zwischen ,Zauberberg‘ und ,Doktor Faustus‘ – eine ungeahnte Parallele.“ Der Lektüre der Romane Thomas Manns verdankt Jenny Erpenbeck auch die Begegnung mit der Musik Richard Wagners, als musikalisches Zwischenspiel der Zeremonie wünschte sie sich deshalb auch das „Siegfried-Idyll“ in einer Fassung für Streichquartett.

Thomas Manns älteste erhaltene Tagebücher – sie umfassen die Jahre 1918-1921 – erregten ebenso die Aufmerksamkeit Jenny Erpenbecks. „Thomas Mann beschreibt in den Tagebüchern den seltsamen Zustand, in einer Zwischenzeit zu leben. Das Ende der Kaiserzeit, der urplötzliche Beginn einer parlamentarischen Demokratie, die damit verbundene allgemeine Unsicherheit hat Thomas Mann in diesen Diarien beschrieben. Und ich muss sagen, dass unsere Zeit sich ähnlich anfühlt.“ Es fühle sich an, als ob ein Schalter umgelegt worden sei und plötzlich alles hervorströme, das früher unter Verschluss gehalten worden sei.

„Von Freiheit ist viel die Rede“, sagte Jenny Erpenbeck weiter, „aber welche Freiheit ist gemeint? Und auf wessen Kosten?“ Die politischen Veränderungen in Osteuropa, die zur Einschränkung bürgerlicher Freiheiten führen, seien ein politisches Warnsignal. In Deutschland vollzögen sich langsam aber sicher ähnliche Entwicklungen: „Auch wir leben in einer Zwischenzeit, und wir müssen uns entscheiden, in welche Richtung wir uns gesellschaftlich entwickeln wollen. Und das sehr schnell, ehe uns das Wollen abgeknöpft wird.“ Kluge Worte, die von wenig Hoffnung zeugen, dass der Rechtspopulismus rasch in die Schranken gewiesen werden kann – auch wenn Jenny Erpenbeck, deren Familie in der DDR zum privilegierten kommunistischen „Kulturadel“ zählte, das Wort „Rechtspopulismus“

nicht verwendete.

Jenny Erpenbeck kam in ihrer Dankesrede noch einmal auf Thomas Mann zu sprechen. Sie erlebe bei der Lektüre von Manns Texten häufig das Wiedererkennen des Eigenen in den Werken des Anderen. Das Prinzip der Wandlung, die Wendung ins Ungefähre – all dies gehöre zu den Dingen, die sie an Thomas Mann verehre.

„Konsum macht die Seele nicht satt“, sagte Jenny Erpenbeck, „Konsum kann sogar räuberisch sein.“ Deshalb dürfe Konsum auch nicht zum Zentrum des Strebens werden, auch nicht in Zwischenzeiten wie der unseren, in denen die Orientierung immer problematischer werde. Der nach Deutschland gekommene Strom der Flüchtlinge habe gezeigt, worauf es wirklich ankomme, auf praktische Solidarität. In ihrem letzten Roman „Gehen, ging, gegangen“ ist die Autorin dem Schicksal in Berlin gestrandeter afrikanischer Flüchtlinge nachgegangen. Ein emeritierter Professor nimmt Kontakt mit einer Flüchtlingsgruppe auf und erlebt hautnah die Schikanen und Erniedrigungen, denen Flüchtlinge im Umgang mit Behörden häufig ausgesetzt sind. Es gibt wirklich wichtigeres als Konsum.

Multitalent Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck wurde 1967 im Ostteil Berlins in eine Schriftstellerdynastie geboren. Nach dem Schulabschluss und einer Lehre als Buchbinderin arbeitete Erpenbeck als Requisiteurin an der Staatsoper Berlin, bevor sie Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität und Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler studierte. Von da an inszenierte sie Stücke vom Barock bis in die Moderne wie auch eigene Bühnentexte an verschiedenen Opernhäusern und Theatern, unter anderem in Graz, Berlin und Nürnberg. Neben ihrer Regiearbeit schlug Jenny Erpenbeck in den 1990er Jahren die schriftstellerische Laufbahn ein. Von da an sollte dies ihr künstlerischer Schwerpunkt werden. Ihr Debüt „Geschichte vom alten Kind“ wurde gleich ein Erfolg. Ihre Bücher sind in 20 Sprachen übersetzt worden. Ihr zuletzt erschienener Roman „Gehen, ging, gegangen“ (2015) handelt von afrikanischen Flüchtlingen, die in Berlin zum Nichtstun verurteilt sind.

Jürgen Feldhoff

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