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„Wir liefern Benzin zum Auftanken“

„Wir liefern Benzin zum Auftanken“

Herbert Grönemeyer präsentiert „Alles“ – eine Zwischenbilanz seines Musikerlebens in einer dicken Box mit 23 CDs.

Berlin. Ein paar Gehminuten vom Potsdamer Platz in Berlin finden sich in einer unscheinbaren Nebenstraße die Hansa Studios. Die verdanken ihren Ruf großen Namen: David Bowie, Depeche Mode und U2 haben hier produziert. Herbert Grönemeyer ist hier dauerhaft präsent: Im Eingangsbereich steht ein quadratmetergroßes Porträt des Sängers. Da muss man aufpassen, den echten Grönemeyer nicht zu übersehen. Der trägt Jeans und Pullover, wirkt grundentspannt, lädt ein auf das Sofa in der Ecke. Es gibt kein neues Studioalbum von ihm, sondern die dicke Box „Alles“, eine Sammlung mit Buch und 23 CDs, die meisten sind Neuauflagen aus rund drei Jahrzehnten.

 

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Gibt auf der Bühne immer alles: Herbert Grönemeyer. FOTO: JAZZARCHIV

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Sie, Du, Herr Grönemeyer, Herbert, Herbie. Welche Anrede darf es sein?

Herbert Grönemeyer: Du und Herbert finde ich in Ordnung, ich wundere mich eher, wenn ich gesiezt werde. Es liegt aber auch am Tag, wenn mir jemand blöd kommt und ich nicht gut in Form bin, dann . . . (lacht). Nur Herbie nennt mich bitte nicht. So hieß der Käfer damals, das ist verniedlichend.

Sprechen wir über „Alles“: Diese Box ist nicht mal eben von der Plattenfirma zusammengewürfelt worden. Welchen Anteil hast du daran?

Grönemeyer: Wir fanden es interessant zu gucken, durch welche Facetten und Zeiten wir gelaufen sind. Mit meinem Produzenten Alex Silva habe ich mich hingesetzt und ausgewählt. Beim Hören wundert man sich über die eigene Stimme und so manche Stilblüte, ist aber auch verblüfft über die eigenen Texte und freut sich, was einem damals so eingefallen ist.

Ist „Alles“ als eine Art musikalische Autobiografie zu verstehen?

Grönemeyer: Das ist meine Art der künstlerischen Autobiografie, eine schriftliche kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, aber in „Alles“ steckt sehr viel von mir zwischen den Zeilen.

Zwischenbilanz passt auch, man hätte „Alles bisher“ sagen können. Das ist ein Überblick, was ich bisher gemacht habe.

Hört Grönemeyer auch einfach mal so Grönemeyer?

Grönemeyer: Wenn ich ein neues Album mache, dann höre ich die Platten davor: Wie klingen die, wie haben wir die produziert? Und wenn ich nach Hause komme, spiele ich für mich selbst, singe dazu lauthals neue Lieder. Ich setze mich aber nicht hin und leg eine Platte von mir auf.

Du spielst schon sehr lange mit den gleichen Leute in deiner Band zusammen. Was prägt diese Arbeitsbeziehungen?

Grönemeyer: Ich bin sowohl verschrobener Einzelgänger als auch Teamplayer. Ich arbeite unglaublich gerne mit anderen zusammen, künstlerisch und menschlich. Zum Beispiel die Leute in meiner Band sind alle Mörderfußballer. Und zusammen sind wir wie ein klasse Fußballteam. Wir haben unsere Macken, sitzen nicht immer in Harmonie vor der Kerze. Aber wenn wir auf der Bühne stehen, wissen wir quasi blind, wie der Ball gespielt wird.

Du bist jetzt 60, wie sehr bist du im Vergleich zu früher du selbst?

Grönemeyer: Zum Glück ist man mit 20 nicht so weit wie mit 60, denn dadurch hat das Leben eine Dynamik, man hadert und kämpft, das hält einen lebendig.

Seit gut drei Jahrzehnten engagierst du dich auf sozialer und politischer Ebene. Im Jahr 2016 ist die Lage in der Welt außergewöhnlich, Millionen sind auf der Flucht, Populisten und Demagogen haben Auftrieb. Was denkst du sind die Gründe dafür?

Grönemeyer: Für mich ist das unter anderem auch diese Internetkultur. Einerseits haben die Menschen einen unglaublichen Überblick, die verstehen die Welt. Gleichzeitig finden sich viele Mitfahrer für irre Ideen, Hass und Engstirnigkeit. Alles, was im Netz ist, gilt im Grunde genommen als richtig, steht nicht zur Debatte. Dann ist die Sprache versackt, das ist ja auch dieses Trump-Phänomen, da steht einer rum und lallt, erreicht damit aber die Leute. Das Netz bietet einen Spannungsbogen zwischen Coolness und Verrohung, zwischen gut und katastrophal.

Lässt dich das schlecht schlafen?

Grönemeyer: Vielleicht liege ich damit falsch, aber ich bleibe Optimist, weil ich glaube, dass die Welt zusammenrückt. Viele versuchen jetzt, sich in Nationalismus zu retten und die Bude dichtzumachen. Die merken, dass das nicht mehr machbar ist. Aber die Welt wird nicht so bleiben. Wir müssen jetzt teilen – mit der Welt und in unserer eigenen Gesellschaft. Je früher wir damit anfangen, desto besser.

Was kann Musik in diesem Zusammenhang leisten?

Grönemeyer: Wir Musiker liefern Benzin. Die Menschen, die viel bewegen, können bei uns auftanken. Sie merken, dass sie nicht alleine sind.

Interview: Martin Klostermann und Patrick T. Neumann

Mit jedem neuen Album auf Platz eins

Herbert Grönemeyer, geboren 1956 in Göttingen und aufgewachsen im Ruhrgebiet, ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Musiker. Einen Namen machte er sich zunächst am Theater und beim Film, etwa in der Wolfgang-Petersen-Verfilmung des Buches „Das Boot“.

Der musikalische Durchbruch gelang ihm 1984 mit der Platte „4630 Bochum“. In den vergangenen 30 Jahren hat es jedes seiner deutschsprachigen Studioalben – wie zuletzt „Dauernd jetzt“ – auf Platz eins der Charts geschafft.

„Alles“ umfasst alle 13 Studio- sowie weitere Alben und ein 68-seitiges Buch mit Essays, Bildern und Diskographie. Preis: 118,99 Euro.

LN

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