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Wir sind alle ein wenig Afrikaner

Mettmann/Lübeck Wir sind alle ein wenig Afrikaner

Mit der Schau „2 Millionen Jahre Migration“ melden sich Archäologen zum Flüchtlingsthema zu Wort.

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Fotowand mit Menschen, deren Hautfarbe nach dem Pantone Matching System (PMS) definiert wird. Davor Melanie Wunsch, Kuratorin des Neanderthal-Museums.

Quelle: Foto: R. Weihrauch/dpa

Mettmann/Lübeck. Deutschland werde bunter, war gestern in den Medien zu lesen und zu hören. Jeder fünfte Mensch, der bei uns im Land lebe, habe einen Migrationshintergrund, hatte das Statistische Bundesamt mitgeteilt.

Die Zunft der Archäologen weiß es besser: Wir alle haben Vorfahren, die von außerhalb des heutigen Deutschlands und Europas zugezogen sind, man muss nur ein paar Jahrtausende zurückschauen. Dass eigentlich jeder Europäer auch ein wenig Türke, Iraker, Iraner oder Russe ist – und Afrikaner sowieso – ist Thema der Ausstellung „Zwei Millionen Jahre Migration“ im Neanderthal-Museum in Mettmann bei Düsseldorf.

Danach tragen wir alle eine Mischung aus drei genetischen Bestandteilen in uns: die Gene einstiger einheimischer Jäger und Sammler, früherer Bauern aus dem Gebiet des heutigen Anatoliens und Nahen Ostens sowie der Menschen aus östlichen Steppengebieten. „Die Deutschen, die hier gewachsen sind, gibt es genauso wenig wie die deutsche Kartoffel“, sagt die stellvertretende Leiterin Bärbel Auffermann. Und: „Gerade in der Offenheit für neue Lebensräume lag in der Menschheitsgeschichte auch die große Chance.“

Zusammen mit der Universität Köln, dem Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte Jena und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften hat das Neanderthal-Museum aktuelle Forschungsergebnisse über Ur- und Steinzeitmenschen in der Ausstellung verarbeitet. Die Archäologen wollen zeigen, dass Migration Bestandteil des Menschseins ist und kein neues Phänomen. „Eigentlich haben wir doch alle Migrationshintergrund“, sagt Auffermann. „Wir sind alle Afrikaner.“

Der „Homo erectus“ wanderte vor rund 1,8 Millionen aus Afrika nach Europa ein. Er war sozusagen der erste Migrant, der seiner Jagdbeute folgte. Der Weg aus Afrika führte auch den nachfolgenden anatomisch modernen Menschen, den „Homo sapiens“, nach Europa – über die Balkanroute. Er traf den Neandertaler, der sich aus dem aus Afrika eingewanderten Homo erectus entwickelt hatte. Während der Neandertaler vor etwa 40 000 Jahren ausstarb, überlebte der „Homo sapiens“ mit Mühe und Not.

„Der Homo sapiens hätte es aber auch manchmal fast nicht geschafft“, sagt Archäologin und Kuratorin Melanie Wunsch vom Sonderforschungsbereich „Our way to Europe“. Sie erforscht an der Uni Köln mit 70 anderen Wissenschaftlern die Ausbreitung des Menschen von Afrika nach Europa. Angesichts der aktuellen politischen Diskussionen um Flüchtlinge und Migration will das Team eine Brücke schlagen „zwischen Eiszeit und Moderne und die Chance nutzen, die Bedeutung archäologischer Forschung für heutige gesellschaftliche Herausforderungen aufzuzeigen“, sagt Melanie Wunsch.

Auch wenn der Neandertaler ausstarb, ein bisschen von ihm ist in jedem von uns heute erhalten. Denn der Neandertaler und der moderne Mensch zeugten gemeinsam Kinder. Die helle Hautfarbe hat sich erst vor etwa 4500 Jahren entwickelt, fanden Paläogenetiker heraus. „Vorher waren alle eher dunkelhäutig“, sagt Auffermann.

Vor rund 7500 Jahren kamen frühe Bauern aus dem Vorderen Orient nach Mitteleuropa und trafen auf die einheimischen Menschen, die als Jäger und Sammler lebten. „Sie mischten sich miteinander“, sagt Wunsch. Die neuen Kulturen hatten viele Neuerungen im Gepäck: Haus- und Ackerbau, Viehzucht und später die Metallverarbeitung. Vor rund 4500 Jahren gab es dann bereits multikulturelle Gesellschaften.

Ein Teil der Menschen war genetisch identisch mit den mobilen Viehzüchtern aus den südrussischen Steppen. „Hier haben wir genetische Belege dafür, dass es eine massive Einwanderung aus den östlichen Gebieten in Richtung Westen gegeben hat“, sagt Wunsch.

Für Archäologen, die Jahrtausende überblicken und nicht nur ein paar Jahre, ist kulturelle Identität nie statisch. „Je weiter wir zurückgehen, desto mehr sieht man, dass es immer wieder Vermischungen von Menschen aus unterschiedlichen Regionen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen gegeben hat“, sagt Wunsch. Für Bärbel Auffermann ist deshalb klar: „Deutschland ist morgen ein anderes als heute.“

Ausstellung: „2 Millionen Jahre Migration“, bis 5. November im Neanderthal- Museum, Talstraße 300, Mettmann

Dorothea Hülsmeier und Michael Berger

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