Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° Sprühregen

Navigation:
„Wir sind auch ein schräger Haufen“

„Wir sind auch ein schräger Haufen“

Anna Thalbach liest am Freitag aus Briefen der Familie Mann. Wir haben mit ihr über das Leben in einer Künstlerfamilie gesprochen.

Voriger Artikel
Exotik: Schloss Gottorf verlängert Nolde-Schau

Schauspiel-Trio: Nellie (22), Katharina (63) und Anna (44) Thalbach (v.l.).

Quelle: Foto: Thomas&thomas

Frau Thalbach, haben Sie sofort zugesagt, als die Anfrage aus Lübeck kam, Texte der Manns zu lesen?

 

LN-Bild

Leidenschaftliche Vorleserin: Die Schauspielerin Anna Thalbach zitiert aus Mann-Briefen.

Quelle: Foto: Oliver Wia

Anna Thalbach: Ich bin so eine leidenschaftliche Vorleserin, dass ich eigentlich fast jeder Lesung zusage, sofern es meine Zeit erlaubt. Lübeck ist ja auch eine süße Stadt. Abgesehen davon probe ich gerade am Theater, und das wird in der Regel nicht bezahlt. Also brauche ich die Arbeit, um Theater spielen zu können.

Was verbindet Sie mit der Familie Mann?

Eigentlich nichts, ich kenne mich mit den Manns nicht wirklich intensiv aus. Aber das Schöne ist ja an meinem Beruf, dass ich auf diese Weise Literatur kennenlerne und mich damit beschäftige.

„Was für eine sonderbare Familie sind wir!“ hat Klaus Mann geschrieben. Könnten Sie das auch ausrufen über Ihre Sippe?

Ich glaube, wenn man eine große Familie hat mit Zusammenhalt, dann kann man das für sich immer behaupten. Wir sind ja auch ein schräger Haufen.

Bei den Manns schreiben alle Familienmitglieder bis zu den Ur-Urenkeln, und es gab und gibt viele andere Talente in der Familie. Ist das bei den Thalbachs auch so?

Man will schon auf der Bühne stehen, wir haben diesen Spieltrieb. Bei uns in der Familie sind alle sehr kreativ. Ich male und schreibe ja auch, meine Tochter Nellie schreibt sehr gut, meine Cousine ist Schriftstellerin, eine andere Cousine macht Stand-up-Comedy in New York, mein Onkel leitet ein Theater, ein anderer ist Regisseur. Man kann sich der Kunst nicht entziehen, wenn man damit aufwächst.

Was schreiben Sie denn?

Ach, seit längerem schon verschiedene Texte. Aber ich werde auf jeden Fall auch noch mal ein Buch schreiben, nur noch nicht jetzt. Definitiv dann, wenn ich mit der Schauspielerei fertig bin.

Sie haben schon mehrmals mit Ihrer Mutter und Tochter zusammen auf der Bühne und vor der Kamera gestanden. Ist man da Familie oder Schauspielprofi?

Man bemüht sich, professionell zu sein. Wir nennen uns dort auch beim Vornamen und nicht Mama oder Oma. Das muss man sich wie eine Zirkusfamilie vorstellen, wir sind eine eingespielte Truppe.

Was bedeutet Ihnen Familie?

Man fühlt sich verstanden, erkannt, geliebt. Jeder fühlt sich aufgehoben. Familie ist natürlich auch ein wahnsinniger Antrieb, wenn man mal den Blues hat, fängt einen die Familie auf und relativiert die Probleme. Sie ist ein großer Rückhalt. Die kleinste Welt in all den Welten und gleichzeitig die größte.

Wie gehen Sie in der Familie mit Konflikten um?

Die tragen wir aus. Wir sind ja auch nicht so unglücklich wie die Manns, und wir leben auch nicht in solch schrecklichen Zeiten wie sie. Wir alle sind relativ gefestigt. Wir streiten auch, wir vertragen uns aber auch wieder, und wir lassen einander Raum für Wut.

Die Manns haben sich gegenseitig sehr viele Kosenamen gegeben, Zauberer, Frau Häsin. Haben Sie auch Spitznamen in der Familie?

Also wenn, würde ich sie nicht verraten, weil die ja nur in der Familie verwendet werden. Aber es hält sich in Grenzen.

Sie sagten vorhin, Lübeck sei eine süße Stadt. Welche Beziehung haben Sie dazu?

Ich war als Kind mal mit meiner Mutter in Lübeck, sie hat dort gedreht. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass es in der Lobby des Hotels einen Papagei gab, der sprechen konnte, das fand ich toll und werde es nie vergessen. Und dann ist doch das Marzipan bei euch! Meine Tochter und ich lieben es! Da werde ich Geld in die Kassen spülen.

Kommt Nellie denn mit nach Lübeck?

Nein, aber sie bekommt etwas mitgebracht.

Interview: Petra Haase

Lesung aus Briefen der Familie Mann

Am 1. September liest Anna Thalbach aus Briefen und Autobiographien der Familie Mann. Im Anschluss gibt es ein Gespräch über Anna Thalbachs eigene Erfahrungen als Teil einer Künstlerfamilie.

Die Lesung findet im Theater Lübeck (Kammerspiele) statt und beginnt um 19.30 Uhr. Der Eintritt kostet 12 / 8 Euro. Tickets: Telefon (0451) 39 96 00, online über www.theaterluebeck.de und bei allen Vorverkaufsstellen.

Die Sonderausstellung „What a family! Die Manns von 1945 bis heute“ ist noch bis zum 19. November im Buddenbrookhaus zu sehen. Sie gibt intime Einblicke in die Lebenswege der Kinder von Heinrich und Thomas Mann.

Eine Theaterfamilie

Anna Thalbach wurde am 1. Juni 1973 in Ost-Berlin geboren und entstammt einer Theaterfamilie. Ihre Mutter ist die Schauspielerin Katharina Thalbach, ihr Vater der Schauspieler Vladimir Weigl, Neffe von Helene Weigel. Ihr Stiefvater war der Autor Thomas Brasch, ihre Großeltern mütterlicherseits die Schauspielerin Sabine Thalbach und der Regisseur Benno Besson. Katharina Thalbach verließ 1976 mit ihrem Lebenspartner Thomas Brasch und Tochter Anna die DDR.

Bereits mit sechs Jahren stand Anna Thalbach auf der Bühne und spielte kleine Rollen. Ihren ersten Bühnenerfolg feierte sie an der Seite ihrer Mutter in Brechts „Mutter Courage“.

Ihr Spielfilmdebüt gab sie 1990 in Hark Bohms „Herzlich willkommen“. Seitdem war sie in zahlreichen TV-Filmen und auf der Leinwand zu sehen. Ihr zweites Standbein ist das Einlesen von Hörbüchern. Für ihre Lesung des Romans „Paint It Black“ von Janet Fitch wurde sie 2008 mit dem Deutschen Hörbuchpreis als beste Interpretin bedacht.

Ihre Tochter Nellie ist mit 1,60 Meter die größte der drei Thalbach-Frauen. Mit sieben Jahren stand sie als Polly in Brechts „Dreigroschenoper“ auf der Bühne. Mit Mutter und Großmutter spielte sie bereits zusammen Theater, das Trio stand auch für den TV-Film „Wir sind die Rosinskis“ vor der Kamera.

LN

Voriger Artikel
Mehr aus Kultur im Norden