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„Wir wollen einfach nur leben“

Lübeck „Wir wollen einfach nur leben“

Geschichten vom Fortgehen und Ankommen erzählen Menschen aus Schleswig-Holstein, Syrien, Afghanistan und Eritrea im Jungen Studio.

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Ayham Obed, Fawad Hotak und Efrem Tesfay (v.l.) erzählen Geschichten ihrer Flucht, als Video kommen deutsche Flüchtlinge von 1944/45 zu Wort.

Quelle: Fotos: Roeßler, Ballhaus Naunynstraße

Lübeck. Lübeck. Bilder von heillos überfüllten Schiffen mit Flüchtlingen sind auf der Leinwand zu sehen. Flüchtlingstrecks ohne Ende, Kinder klammern sich an ihre Eltern. Die Motive sind bekannt aus den aktuellen Nachrichten über Flüchtlingsströme aus Afrika – doch die Fotos, die im Jungen Studio des Theaters Lübeck gezeigt werden, sind in Schwarz-Weiß und mehr als 70 Jahre alt.

Die Parallelität der Bilder symbolisiert die Not von Menschen, die ihre Heimat verlassen und einen neuen Platz zum Leben finden müssen – seien es die Millionen Flüchtlinge und Vertriebene am Ende des Zweiten Weltkrieges oder die Millionen Menschen, die derzeit aus Angst vor Terror und Krieg auf der Flucht sind. Die Bürgerbühnenprojekte „Fremd bin ich eingezogen“ und „Wir sind hier!“ verdeutlichen das auf beeindruckende Weise.

Auf der Bühne sitzen drei junge Männer an Tischen. Die Videoprojektion im Hintergrund zeigt alte Menschen, die von ihrer Kindheit in Ost- und Westpreußen erzählen. Das Licht auf der Bühne geht an, und Ayham Obed am ersten Tisch spricht. Er kommt aus Damaskus. „Bis 2011 war das Leben gut, zu 90 Prozent. Ich hatte ein Auto, habe mich mit Freunden in der Schischa-Bar getroffen“. Dann sei der Terror gekommen. Sein Onkel, ein Maler, wurde schikaniert, der Freund seines Vaters ermordet.

Fawad Hotak lebte in Afghanistan, hat Informatik studiert und für die US-Amerikaner als Übersetzer gearbeitet. „Ich komme aus dem Talibangebiet. Alle Männer mussten Bärte tragen. Wir Kinder wurden geschlagen.“

Efrem Tesfay aus Eritrea hat Fremdsprachen studiert. „In meiner Heimat wäre ich heute tot.“ Er zeigt seinen anerkannten Asylantrag. Applaus.

Wie Collagen wechseln sich die Aussagen der jungen Männer mit den Erinnerungen der Deutschen an ihre Flucht 1944/45 ab. Emotional sind deren Schilderungen der Flucht im Treck, mit dem Schiff oder mit dem Pferdewagen übers Haff. Von Hunger, Kälte, Leichen ist die Rede. Detaillierte Fluchtgeschichte sind von den jungen Männern nicht zu hören, vielmehr geht es um Ängste und Hoffnungen. Sie spielen „Ich packe meinen Koffer“ und stopft hinein: Hose, Hemd . . . Steuerbescheid . . . Träume . . . Gewalt. Sie haben Angst, Fehler zu machen – ein Polizeikasper fordert Ordnung ein. Immerhin kennen die Männer die Bestimmung der blauen, gelben und grauen Tonne.

Sie fühlen sich wenig willkommen in Deutschland – und teilen dieses Gefühl mit den Flüchtlingen von vor 70 Jahren. „Meine Mutter war Hebamme, sie durfte jahrelang nicht praktizieren. Wir waren nicht erwünscht.“ Auch Unterschiede werden thematisiert. Damals gab es keine Sprachbarriere, dafür viel Armut. „Heute ist Deutschland reich und kann etwas abgeben“, ist ein Zitat. Aber auch: „Wir hatten damals keine Erwartungshaltung. Heute fragen sie: Wo ist mein Geld? Wo ist eine Wohnung?“

Auf der Bühne kommen auch zwei deutsche Zeitgenossen zu Wort: Frieda Stahmer gibt die gut(situiert)e Ehrenamtliche, die in der Kleiderkammer hilft und für 50 Euro Lebensmittel für Flüchtlinge einkauft. „Im Bio-Laden!“ Und Kai Kloss einen arbeitslosen Weltenbummler, der ohne Geld durch Europa trampt und überall Hilfsbereitschaft findet.

Die Theaterpädagogen Stahmer und Kloss haben die Szenen mit den Flüchtlingen inszeniert. Parallel dazu hat Regisseur Knut Winkmann Schleswig-Holsteiner interviewt und ihre Aussagen gefilmt. Dieses Doppel-Projekt gibt die vielen verschiedenen Aspekte von Flucht, Vertreibung, Hoffen und Angst eindrucksvoll wieder, ohne fertige Lösungen zu präsentieren. Dafür zahlreiche Denkanstöße. Und einen Nenner, auf den die drei Flüchtlinge am Ende alles Gesagte bringen: „Wir wollen einfach nur leben.“ Die Zuschauer spendeten viel Applaus und nutzten im Anschluss die Gelegenheit zu Gesprächen.

Themenwoche

Das Bürgerbühnenprojekt „Wir sind hier“ und der Film „Fremd bin ich eingezogen“ laufen im Rahmen der Themenwoche „Finding a place“ des Theaters Lübeck.

Heute um 19 Uhr ist das Doppelprojekt noch einmal im Jungen Studio zu erleben. Die Themenwoche endet am Donnerstag um 19 Uhr mit „Zwischen.Raum“, einem Theaterprojekt mit Schülern der 11.

Klasse der Baltic- Schule Lübeck. Die Jugendlichen haben sich spielerisch und assoziativ mit den Begriffen Fremde, Familie und Heimat auseinandergesetzt.

Petra Haase

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