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„Wir wollen mehr Demokratie wagen“

Lübeck „Wir wollen mehr Demokratie wagen“

Französische Historikerin sprach über den Wechsel der politischen Positionen von Willy Brandt.

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Die in Paris lehrende Politologin und Historikerin Hélène Miard-Delacroix hat eine Biografie über Willy Brandt geschrieben.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Die Premiere im Europäischen Hansemuseum war gleichzeitig eine Dernière. Die vom Willy-Brandt-Haus veranstaltete Reihe mit dem sperrigen Titel „Das Politische im Denken bedeutender Lübecker“ fand mit einem Abend über Willy Brandt ihren Abschluss. Hélène Miard-Delacroix, Historikerin und Politikwissenschaftlerin an der Pariser Sorbonne, sprach über die Entwicklung des politischen Denkens bei Brandt – ein äußerst komplexes Thema. Der Blick von außen auf den deutschen Politiker, über den die Professorin eine große Biografie geschrieben hat, war ausgesprochen erhellend.

Nach einer klassisch sozialdemokratischen Sozialisation wandte sich der junge Brandt, der damals noch seinen Geburtsnamen Herbert Frahm trug, von der SPD ab und wurde Mitglied der linksradikalen SAP.

Im Exil, zunächst in Norwegen und dann in Schweden, änderte sich seine politische Anschauung grundlegend. Aus dem revolutionären Marxisten wurde ein von der skandinavischen sozialdemokratischen Tradition geprägter Reform-Sozialist, der zugleich ein Gegner des Kommunismus’ Stalinscher Prägung war. Die Erfahrungen als Korrespondent norwegischer Zeitungen im spanischen Bürgerkrieg, so Hélène Miard-Delacroix, machten Brandt zum erbitterten Antistalinisten. Das brutale Vorgehen der sowjet-treuen Truppen gegen die anderen linken Verbände überlebte Brandt nur durch Zufall: Er war rechtzeitig nach Oslo zurückgekehrt.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges engagierte sich Brandt in der SPD, oftmals im Konflikt mit dem Parteivorsitzenden Kurt Schumacher. Brandt gehörte 1959 zu den „Machern“ des Godesberger Programms, mit dem die SPD den Wandel von der sozialistischen Arbeiterpartei zur Volkspartei vollzog. Reformen, so Hélène Miard-Delacroix, waren entscheidend für Willy Brandt („Sein Motto: „Wir wollen mehr Demokratie wagen“) – obwohl er ein Mann mit politischen Visionen war. Seine Entspannungs- und Ostpolitik ab 1969 wäre ohne Visionen eines friedensbereiten Europa nicht möglich gewesen. Helmut Schmidt, über den die Politologin auch gearbeitet hat, sei in dieser Hinsicht gegensätzlich zu Brandt orientiert gewesen.

Vor allem aber stand ein Thema im Zentrum des politischen Denkens von Willy Brandt: Freiheit. Das war zum einen die Freiheit von Not und Furcht, die aus Brandts Sicht jedem Menschen zustand. Aber neben den demokratischen Freiheitsrechten und der sozialen Freiheit gehörte für Brandt auch die Friedenssicherung in diesen Zusammenhang. Seine Arbeit in der Nord-Süd-Kommission der Weltbank brachte ihn zur Überzeugung, dass nur in Freiheit lebende Staaten eine positive Entwicklung durchlaufen können.

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