Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden „Wir wollen verführen!“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden „Wir wollen verführen!“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:12 01.07.2017

Was sollten Besucher beim diesjährigen Festival, das heute Abend offiziell eröffnet wird, auf keinen Fall verpassen?

Will das Festival-Publikum immer wieder Neues entdecken lassen: Christian Kuhnt (50), seit 2013 Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Quelle: Foto: Ulf-Kersten Neelsen

Christian Kuhnt: Jeder Besucher sollte auf jeden Fall mindestens ein Konzert auswählen mit Musik von Maurice Ravel. Es muss nicht eines der Konzerte sein, bei denen der Boléro auf dem Programm steht. Denn es lohnt sich, Maurice Ravel in seiner ganzen Vielfalt zu entdecken. Das lässt sich zum Beispiel bei der Sonate für Violine und Klavier erleben, bei der der zweite Satz mit „Blues“ überschrieben ist.

Vielen fällt bei Maurice Ravel nur der Boléro ein. Was verbinden Sie mit diesem Komponisten?

Der Boléro war mein Einstieg in den musikalischen Kosmos des französischen Komponisten. Als Schlagzeuger habe ich mich früh darum bemüht, den Boléro-Rhythmus durchzuhalten. Eine große Konzentrationsübung! Bald wurde mit jedoch klar, dass dieser Komponist unglaublich viel bereithält und dass es viel zu entdecken gibt. Bei uns genießt seine Musik bis auf den Boléro aber leider noch nicht die Anerkennung, die sie verdient.

Was war ausschlaggebend dafür, dass die Komponisten-Retrospektive in diesem Jahr Ravel gewidmet ist?

Nach Mendelssohn, Tschaikowsky und Haydn schauen wir mit ihm jetzt ins 20. Jahrhundert. Und wir stellen fest, dass er ein früher Grenzgänger ist. Maurice Ravel hat nicht unterschieden zwischen Klassik und Jazz oder Blues. Vielmehr hat er verschiedene Einflüsse aufgenommen und eine eigene und sehr originelle Musiksprache entwickelt.

Mit der Komponisten-Retrospektive und dem Solistenporträt, das dieses Mal Avi Avital gewidmet ist, haben Sie dem Festival vor drei Jahren eine neue Struktur gegeben. Ist eine solche Struktur überhaupt notwendig?

Unbedingt. Bei 193 Konzerten und 107 Spielstätten brauchen wir ordnende Kräfte. Mit der Komponisten-Retrospektive und dem Solisten-Porträt legen wir einen roten Faden durch das Programm.

Außerdem wird das Festival auf diese Weise unverwechselbar in einer Zeit, in der es rund 600 Festivals in Deutschland gibt.

Engt es Sie nicht ein?

Überhaupt nicht. Avi Avital konnte machen, was er sich wünschte. Dass er sich für 20 Konzerte entschieden hat, fanden wir ganz schön mutig. Aber für seinen Mut wurde er belohnt. Von den 20 Konzerten sind 18 schon ausverkauft. Das heißt, es ist gelungen, bei unserem Publikum Neugierde zu wecken und zu begeistern. Die Mandoline steht als Instrument nicht so sehr im Scheinwerferlicht wie das Klavier oder die Geige. Wir wollen zeigen, dass es wunderbare Musik gibt, die für dieses Instrument geschrieben worden ist und dass die farbenreiche Mandoline nicht nur dafür geeignet ist, in der Oper Liebeslieder zu begleiten.

Zu den neuen Spielstätten gehört die Hamburger Elbphilharmonie, die Karten waren sehr schnell ausverkauft. Überstrahlt der Glanz dieser Spielstätte den Glanz des Festivals?

Überhaupt nicht. Ich bin überzeugt davon, dass die Elbphilharmonie ein Motor für das Musikleben in Norddeutschland ist. Wir profitieren davon, dass man wieder über Musik spricht und dass man vermehrt ins Konzert geht. Die meisten Besucher gehen nicht wegen des Programms oder eines Interpreten dorthin, sondern um einmal die Elbphilharmonie von innen zu sehen. So kommt es zu neuen Begegnungen. Das ist es, was das Schleswig-Holstein Musik Festival von Anfang erreichen wollte: nicht nur Bekanntes zu liefern, sondern zu verführen.

In diesem Jahr bieten Sie ein neues Format an: Backstage. Was erwartet Besucher dort?

Mit Backstage erweitern wir unser Musikvermittlungsprogramm und gewähren einen Blick hinter die Kulissen. Man darf durchs Schlüsselloch schauen und mit Martin Grubinger das Werden eines Konzertes erleben.

Wie wichtig ist Musikvermittlung im Rahmen des Festivals?

Sehr wichtig. Der Musikunterricht an Schulen hat nicht mehr den Stellenwert, den er mal hatte. Wir als Festivalveranstalter sind aufgefordert, immer wieder Brücken zu bauen, vor allem auch hin zur jüngeren Generation, und Lust zu machen auf mehr.

Im vergangenen Jahr hat das Festival 30-jähriges Bestehen gefeiert. Nun gibt es wieder ein Jubiläum. Die Orchesterakademie, in der junge Musiker aus aller Welt zusammenfinden, wird in diesem Jahr 30.

Auch ein Grund zu feiern?

Unbedingt. Wir haben 1987 in Deutschland etwas Einzigartiges erlebt. Leonard Bernstein, DER Dirigentenstar neben Herbert von Karajan, kam nach Salzau, in die schleswig-holsteinische Provinz, und hat unser Festivalorchester gegründet, das verschiedene Dinge miteinander verbindet. Zum einen war Bernstein Völkerverständigung sehr wichtig. Das Orchester, das 25 Nationen vereint, zeigt, dass man friedlich miteinander leben kann, auch wenn man nur eine gemeinsame Sprache hat – die Musik. Zum anderen geht es um absolute Exzellenz: Die Besten der Welt kommen zusammen. Das ist bis heute gewährleistet. Die Güte unseres Orchesters hat nie nachgelassen.

Um die Besten bemühen Sie sich auch, was die Musiker und Musikerinnen angeht. Wie wichtig ist es für das Festival, dass Sie alljährlich Stars wie Anne-Sophie Mutter, Sol Gabetta oder Martin Grubinger präsentieren?

Ich mag das Wort Stars nicht, denn es ist ziemlich nichtssagend. Für mich ist Avi Avital ein Star, auch wenn viele Konzertbesucher ihn bisher nicht kannten. Für uns zählt, dass beispielsweise Anne-Sophie Mutter einen Beitrag zum Ravel-Schwerpunkt leistet. Wichtig ist, dass Künstler sich auf das einlassen, was wir uns von ihnen wünschen. Hélène Grimaud wird heute Abend beim Eröffnungskonzert das Klavierkonzert von Ravel spielen. Darum hatten wir sie gebeten. Wir werben um Künstler, aber wir engagieren sie nicht um jeden Preis, sondern sie müssen Lust haben, sich auf unsere Ideen einzulassen.

Das Festival ist aber auch ein Karrieremotor.

Mit dem von der Sparkassen-Finanzgruppe gestifteten Leonard Bernstein Award haben wir dafür ein wunderbares Vehikel. Mit dem Preis werden große Talente ausgezeichnet. Unsere Aufgabe ist es, diese Talente immer wieder beim Festival auftreten zu lassen. Das prominenteste Beispiel ist Martin Grubinger. In diesem Jahr wird mit Cameron Carpenter ein weiterer Preisträger zu Gast sein. Wir freuen uns, dass uns mit ihm etwas Besonderes gelungen ist. Wir hatten eine spinnerte Idee und haben ihn im vergangenen Herbst nach Büdelsdorf auf das Nord-Art-Gelände eingeladen. In Büdelsdorf wähnte Cameron Carpenter sich zunächst in the Middle of Nowhere. In der früheren Eisengießerei kam er aber schnell aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Weil er von diesem Raum so begeistert war, hat er zwei Züge verpasst. Das Ergebnis: „The Big Organ“, ein Wochenende mit Musik für Orgel aus mehreren Jahrhunderten, in einem Kontext, den die Orgel noch nicht erlebt hat.

Cameron Carpenter ist auch ein Grenzgänger. Neben Klassik nehmen Pop, Jazz, Comedy und Kabarett einen immer größeren Raum ein. Geht der Trend hin zu einem Festival für alle Musik-Richtungen?

Alle, die sich um die Präsenz klassischer Musik Sorgen machen, kann ich beruhigen. Im Programm sind 130 Konzerte, die sich mit klassischer Musik beschäftigen. Darüberhinaus präsentieren wir mehr Musik, die man nicht in die Kategorie Klassik einordnen würde. Aber was heißt das überhaupt? Wenn man die Gelegenheit hat, Roger Hodgson, den ehemaligen Frontmann von Supertramp, in Neumünster zu präsentieren, dann schlägt man zu. Denn er ist ein Klassiker, auch wenn er kein klassischer Musiker ist.

Eröffnung im TV und Radio

Beim Eröffnungskonzert stehen heute Abend in der MuK in Lübeck Werke von Maurice Ravel und von César Franck auf dem Programm. Solistin ist die französische Pianistin Hélène Grimaud. Es spielt das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Thomas Hengelbrock. Der TV-Sender 3sat und der Radiosender NDR Kultur übertragen live ab 20.15 Uhr.

193 Konzerte, fünf Musikfeste auf dem Lande und zwei Kindermusikfeste werden bis zum 27. August geboten.

Karten: www.shmf.de

Interview: Liliane Jolitz

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Konzerte, ein Marsch und eine Lesung begleiten den G20-Gipfel.

01.07.2017

Schloss Derneburg, früher Atelier von Georg Baselitz, ist nun Museum für moderne Kunst.

01.07.2017

Schwungvoll inszenierte „West Side Story“ bei den Schweriner Schlossfestspielen. Premiere im Dauerregen.

01.07.2017