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Kultur im Norden „Wir wollten radikal sein“
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18:28 08.07.2016
„Mauerdurchbruch“ nannte Klaus Killisch 1987 sein Ölbild.

Plüschow. „Aus den Stapeln verbotener Bücher und den Liedern befreundeter Leichen springt Wut ohne Maß auf mich über. Sesselfurzer und amtliche Uhren sollten zum Stundenzählen nicht reichen? Muß ich doch mit der Zukunft huren“, schrieb der 1957 in Ostberlin geborene Dichter Uwe Kolbe in „Ansage Absage“ im Jahr 1979.

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Im letzten Jahrzehnt der DDR entstand eine unabhängige, sehr kreative Künstlerszene. Beispiele sind im Künstlerhaus Plüschow in Mecklenburg zu sehen.

Dieses und weitere Gedichte von Kolbe hängen in Kombination mit Grafiken von Hans Scheib im Künstlerhaus Plüschow in Nordwestmecklenburg. „Ansage-Absage“ ist der programmatische Titel der neuen Ausstellung, die Positionen der DDR-Künstlerszene in den 1980er Jahren beleuchtet. „Sie war gekennzeichnet durch die Absage an die offiziellen Vorgaben für Kunst und die Suche nach eigenen Formen.

Kunst wurde zum Mittel, um Identität zu stiften“, sagt der Plüschower Künstler Udo Rathke, der die Ausstellung kuratiert hat. Er muss es wissen, hat er doch als Kunststudent selbst die Ostberliner Szene erlebt und in den 1980er Jahren zusammen mit seiner Frau, der Künstlerin Miro Zahra, das damals verfallene Schloss in Plüschow zu einem Künstlerhaus aufgebaut.

Kontakte zu Freunden und Kollegen aus jener Zeit und eigene Sammlungen haben nun eine respektable Schau ermöglicht, die einen Querschnitt durch eine sehr lebendige, vielschichtige und freche Kunstszene zeigt, die den Verboten und der Beobachtung durch den Staat immer wieder Schnippchen schlug. Gedichte wurden mit mehreren Durchschlägen getippt, die Blätter von Künstlern gestaltet, die Unikate unter der Hand gehandelt, Beispiele sind in Plüschow zu sehen. Bücher und Zeitschriften druckte man selbst in kleinen Auflagen, einige Exemplare von „Entwerter oder“ geben davon einen Eindruck. Und man staunt, was im Halbschatten des Staates alles möglich war.

Auf seinen „Satirischen Blättern zur Zeit“ nimmt der Mecklenburger Künstler Oskar Manigk die Stasi ins Visier, Fotos und Grafiken mehrerer Kollegen thematisieren die Umweltsünden in Bitterfeld.

Kraftvoll wie düster sind die Ölbilder von Michael Wirkner. Klaus Killisch nahm mit seinem Ölbild „Mauerdurchbruch“ 1987 den Mauerfall ’89 vorweg – auch das wird in Plüschow gezeigt.

1974 etablierte Jürgen Schweinebraden im Prenzlauer Berg in Berlin die EP-Galerie – die erste private Galerie. Er stellte 1979 unter anderem A. R. Penck aus, der damals noch Ralf Winkler hieß

und bereits nicht mehr öffentlich ausstellen durfte. Siebdrucke aus jener Zeit nach früheren Skizzen von Penck sind in Plüschow zu sehen.

„Wir wollten Individualität leben, radikal sein, zweck- und ideologiefrei arbeiten. Ein Bild schaffen, das zeitlos ist“, hat sich die Künstlerin Cornelia Schleime einmal geäußert, die 1981 in der DDR Ausstellungsverbot hatte und 1984 nach Westberlin ging. Auch von ihr hängt eine Grafik in Plüschow.

Die Schau will aber nicht mit großen Namen kokettieren oder nostalgisch zurückblicken. „Es ist keine museale Ausstellung, es geht um die Autonomie der Kunst. Die Unabhängigkeit von Zweck und Bevormundung ist auch für unsere Kunst und unser Künstlerhaus exemplarisch“, sagt Miro Zahra.

Zum individuellen Ausdruck der 1980er Jahre gehörte auch die Performance. Beispiele dafür finden sich in Fotos und ehemaligen Super-8-Filmen von Jörg Herold („Körper im Körper“, der 1997 auf der documenta X in Kassel gezeigt wurde) und der Gruppe um Micha Brendel.

Viele Künstler, die damals die Szene bestimmten, wollten oder mussten irgendwann die DDR verlassen. Auch der Poet Uwe Kolbe siedelte 1988 nach faktischem Berufsverbot nach Hamburg über. Am 13. August liest er in Plüschow aus seinem neuen Buch „Brecht“ – auch darin geht es um die Autonomie des Künstlers.

Das Künstlerhaus

Das Schloss Plüschow liegt im kleinen Dorf Plüschow an der A 20 nahe Grevesmühlen in Nordwestmecklenburg. Heute um 16 Uhr führt Udo Rathke durch die Ausstellung. Zur Finissage am 13. August um 17 Uhr liest der in Hamburg lebende Dichter Uwe Kolbe.

Geöffnet: di-so von 11 bis 17 Uhr. Mehr Infos über das Künstlerhaus unter www.plueschow.de.

Zum Sommerfest lädt das Künstlerhaus am Sonnabend, 16. Juli, ab 14 Uhr mit viel Musik, Workshops, einem Vortrag des Kriegsfotografen Timo Vogt und internationalem Büfett ein.

Petra Haase

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