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„Wird vermißt und gesucht“

Lübeck „Wird vermißt und gesucht“

Günter Grass und Heinrich Böll: Der zweite Band der Grass-Schriftenreihe beleuchtet das Verhältnis der großen Dichter.

Lübeck. Lübeck. Am Ende hat er seinen Sarg getragen. Als Heinrich Böll im Juli 1985 starb, begleitete Günter Grass mit Lew Kopelew den Freund auf dessen letztem Weg. Den viel zu großen schwarzen Anzug musste er sich von einem befreundeten Galeristen leihen. Die Todesnachricht hatte ihn in Portugal erreicht, wo er wie jeden Sommer „Abstand zum Vaterland“ suchte, wie er sagte. Und er schrieb ein Gedicht zum Gedenken an den Toten: „Trat hinter sich“, heißt es da, „hinterließ und fehlt seitdem, wird vermißt und gesucht, steckbrieflich . . .“

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Günter Grass und Heinrich Böll: Der zweite Band der Grass-Schriftenreihe beleuchtet das Verhältnis der großen Dichter.

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Heinrich Böll wäre im Dezember kommenden Jahres 100 Jahre alt geworden. Die Schriftenreihe der Günter und Ute Grass Stiftung ehrt ihn schon jetzt mit fünf Beiträgen in der neuen, zweiten Ausgabe.

„Freipass“ ist die Reihe betitelt, am Mittwoch wurde der 328 Seiten starke Band im Lübecker Grass-Haus vorgestellt. Der Abend im kleinen Kreis warf auch ein Licht auf die Ausstellung über Böll und Grass, die im Februar nächsten Jahres im Grass-Haus eröffnet werden soll. Im Beisein übrigens der weißrussischen Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch.

Die Bindung der beiden deutschen Nobelpreisträger aneinander war nicht immer so eng, sagte Volker Neuhaus, Grass-Kenner, Literaturwissenschaftler von der Universität Köln und mit Per Øhrgaard und Grass-Haus-Leiter Jörg-Philipp Thomsa einer der „Freipass“-Herausgeber. In seiner Büchnerpreis-Rede von 1965 hatte der Danziger dem Kölner noch vorgehalten, den Weg aus dem Elfenbeinturm nicht zu finden. Das hat sich später geändert. Den „solidarischsten aller Schriftsteller“ nannte ihn Grass, als er sich 2009 in der „Zeit“ an Bölls Begräbnis auf dem Friedhof in Bornheim bei Köln erinnerte.

Und er sprach von seinem letzten Besuch am Bett des kranken Freundes und von den Verletzungen der Springer-Presse, die Böll so tief getroffen hätten wie kaum etwas sonst. Böll hatte einen fairen Prozess für die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof gefordert und war zur Zielscheibe nicht nur des Boulevards geworden. „Es waren schlimme Zeiten“, sagte Bölls Sohn René, als er im vergangenen Jahr im Lübecker Grass-Haus über seinen Vater sprach. „Die Familie wurde beschimpft, in Restaurants nicht bedient.“

Böll war zehn Jahre älter als Grass. Kennengelernt hatten sie sich bei der Gruppe 47. Und während Grass immer auch der politisch Dezidierte war, der Stellung bezog, oft genug vom SPD-Wahlkampflastwagen herunter, galt Böll vor allem als Moralist. So beschreibt ihn auch Grass, vergisst aber nicht zu erwähnen: „Vorbildlich wurde mir Heinrich Böll . . . als jemand, der sein Dafür und Dagegen öffentlich machte, der notfalls vom Manuskript abließ und sich draußen, wo immer Gegenwind herrschte, oft leidenschaftlich aussprach.“

Außerdem sei es falsch, Böll eine „Gesinnungsästhetik“ vorzuwerfen, sagte Volker Neuhaus. Grass und Böll seien vielmehr die beiden größten Vertreter der konzeptuellen Moderne in der deutschen Nachkriegsliteratur. Sie hätten wie Uwe Johnson jedesmal eine völlig neue Form finden müssen, bevor sie weiterarbeiten konnten. Während etwa Martin Walser im Grunde immer das gleiche Buch schreibe, habe sich Böll in seinen Romanen nie wiederholt. Und das, obwohl er mit Liebe und Religion nur zwei Themen gehabt habe, erinnerte Øhrgaard an eine Böll’sche Selbstauskunft.

Heinrich Böll ist ein Schwerpunkt des neuen „Freipass“-Bandes. Flucht und Vertreibung ist ein anderer. Hier haben neben Thomsa auch Térezia Mora und Thomas Weiss Beiträge geliefert. Letzterer las am Mittwoch in Lübeck seinen Text. Außerdem gibt es Berichte aus der Grass-Forschung, etwa über den Dichter und die DDR oder Grass’ Denkmal für die Göttinger Sieben. Jörg-Philipp Thomsa sichtet Nachrufe auf Günter Grass nach dessen Tod im April vergangenen Jahres, und die Grass-Rezeption in Polen wird ebenfalls beleuchtet. Das in den Archiven lagernde Material über den Dichter werde auch künftig eine große Rolle spielen, sagte „Freipass“-Redakteur Dieter Stolz. Es sei eine „Quelle für das, was noch nicht über Grass gesagt worden ist“.

Der dritte Band im nächsten Jahr

Freipass – Schriften der Günter und Ute Grass Stiftung, Band 2, herausgegeben von Volker Neuhaus, Per Øhrgaard und Jörg-Philipp Thomsa. Chr.

Links Verlag, 328 Seiten, 25 Euro. Auf beigelegten CDs finden sich Bölls und Grass’ Nobelpreisreden. Böll wurde 1972 ausgezeichnet, Grass 1999.

Der dritte „Freipass“-Band wird im kommenden Jahr zu Grass’ 90. Geburtstag erscheinen. Einen Schwerpunkt bildet Otto Pankok, der Grass’ Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie und ihm auch sonst ein Vorbild war. Der Schüler hat auch einen nach Pankok benannten Preis ins Leben gerufen. Die Grass-Rezeption in Israel wird im dritten Band ebenfalls thematisiert.

Peter Intelmann

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