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Kultur im Norden Wirklichkeit mit weichem Plüsch
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19:21 27.09.2016

Das also ist aus der Pausenhofschönheit, die immer in der Raucherecke stand, geworden: eine verheiratete Ärztin, dreifache Mutter, Bürgermeisterin. Attraktiv, vielleicht sogar schön ist sie noch immer, auch wenn der Erzähler sie nicht sofort erkennt. Dabei war er vor 30 Jahren rettungslos verliebt in die etwas ältere Jutta. Jetzt trifft er, mittlerweile erfolgreicher Autor, sie bei einer Lesung in einer Kleinstadt wieder.

Navid Kermani (48) erhielt im vergangenen Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Dieses unerwartete Aufeinandertreffen steht am Beginn von Navid Kermanis neuem Roman, „Sozusagen Paris“, der jetzt erscheint. Der namenlosen Icherzähler, ein Kenner französischer Literatur des 19.

und 20. Jahrhunderts, ordnet die Situation blitzschnell ein: Früher träumten die verheirateten Gattinnen in der französischen Provinz immer von Paris, denkt er und zitiert aus Guy de Maupassants Buch „Pariser Abenteuer und andere Erzählungen“. Jetzt sei er für Jutta sozusagen Paris – eine Flucht aus dem Alltag. Doch gleich darauf bekennt er, dass er sich die „Wirklichkeit mit weichem Plüsch“

auspolstere. Was und wer er für Jutta eigentlich ist, begreift er nicht. Obwohl die beiden eine Nacht miteinander verbringen: Sie lädt ihn zu sich ein und erzählt ihm die Geschichte ihrer Ehe, während ihr Mann – gleichfalls Arzt – im Stockwerk darüber sitzt und Abrechnungen sortiert.

Die Liebe, die Erinnerung an eine Liebe, die Liebe in der Literatur – im ersten Moment überrascht die Thematik von „Sozusagen Paris“ ein wenig. In den vergangenen Jahren hat man Kermani überwiegend als Autor wahrgenommen, der vor allem über den Islam schreibt. Die Jury, die ihn 2015 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet hat, lobte ihn denn auch als einen, „der mit großer Sachkenntnis in die theologischen und gesellschaftlichen Diskurse einzugreifen vermag“.

Kermani, 1967 in Siegen als Sohn iranischer Eltern geboren, ist einer der angesehensten deutschen Autoren, vielfach ausgezeichnet. Vielleicht empfindet er ähnlich wie der Erzähler seines jüngsten Romans. Der ist konsterniert, als ihn Jutta fragt, woher denn der Terror in der Welt komme. In „Sozusagen Paris“ taucht er jedoch nicht als Terror-, sondern eher als Literaturexperte auf, der Texte besser begreift als Menschen. Überhaupt lebt dieser Mann mit und in der Literatur. Kermanis Roman wird kaum von Handlung vorangetrieben, sondern von Erinnerungen, Erzählungen und Reflektionen über Illusionen und Desillusionierungen in der Liebe.

Der Roman liest sich leicht, seine Konstruktion ist aber etwas vertrackt: Während der Erzähler bei seiner Jugendliebe sitzt, denkt er über das Buch nach, das er über die Situation schreiben wird. Er nimmt die Einwände seines Lektors vorweg und baut die Bemerkungen ein, die Jutta viel später, wenn sie das Manuskript gelesen haben wird, machen könnte. Schon in seinem 2011 veröffentlichten Monumentalwerk „Dein Name“ schilderte Kermani immer wieder das Ringen mit seinem Verleger über Form und Länge des Buches.

„Sozusagen Paris“ ist ein Spiel mit Verweisen und Zitaten. Der Erzähler bedenkt auch die mögliche Kritik des Lesers, der die in die Handlung eingestreuten Zitate „überflüssig, bildungsbeflissen“

finden könnte. Da ist was dran. Kermani schlägt zwischendurch allerdings auch andere Töne an, ist witzig und ironisch. Als seine einstige Liebe besonders in Fahrt gerät und die Bürgermeisterin ihre nicht sonderlich kluge Sicht auf die Welt und die Politik darlegt, heißt es: „So eine apologetische Scheiße ist mir schon lange nicht mehr untergekommen, wird der Lektor stöhnen, der Jutta ohne mein liebendes Auge sieht.“ Liebendes Auge hin oder her: Was Jutta für den Erzähler empfunden hat, erfährt der Leser nicht. Möglicherweise ist das auch unerheblich. Mit der Erinnerung kann die Realität sowieso nicht mithalten. Martina Sulner

„Sozusagen Paris“ von Navid Kermani. Hanser Verlag. 287 Seiten, 22 Euro.

LN

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