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Kultur im Norden Wo die Klischees wuseln
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21:17 09.09.2013
Sie kriegen sich: Miguel (Luk Pfaff) und Luna (Anneke Schwabe). Quelle: Foto: dpa

Im Musical dürfen Gefühle duseln, Klischees wuseln und Affären gruseln. Die Musik muss poppig-eingängig sein. Am besten die, die man aus dem eigenen iPod kennt.

All das hat Theatermacher Ulrich Waller beherzigt, als er für das St. Pauli-Theater an der Reeperbahn sein Musical „Linie S1“ verfasste: eine überaus vorhersehbare Boy-meets-girl- Story zwischen Barmbek (der junge Miguel) und Blankenese (die junge Luna), also zwischen Prolet und Prinzessin. Herkunft und Prägung der beiden garantieren für genügend Hindernisse, damit die finale Vereinigung erst nach Komplikationen von der Dauer eines Spielfilms vollzogen wird.

Dazwischen wird Hamburg gefeiert in Lied und Bild, es tauchen Penner und Politiker, Punker und Schläger, Prostituierte und Elbchaussee- Schnepfen, Flaschenhalter und Fußballfans auf — das ganze Personal einer Seifenoper. Sie alle sind letztlich harmlos und bilden entlang der S-Bahn-Linie 1 (Wedel-Flughafen- Poppenbüttel) ein volkstümlich-liebenswertes Panoptikum, als habe das Stadtmarketing das Singspiel in Auftrag gegeben.

Doch die Essenz der Stadt, so wird unterstellt, das sind Jungfernstieg und Rotlicht-St. Pauli — was man Kiez nennt und was den Touristen als Abenteuer- und Erlebnisrevier aufgeschwatzt wird.

Eine Portion brackigen Hafensdunst gibt‘s dazu. Die Sänger- und Tänzertruppe singt und tanzt solide zu all den Hamburgensien, herausragend allein der alte Haudegen Peter Franke mit dem rührenden Hans-Albers-Lied „Zwischen Hamburg und Haiti“. Auch ein Klischee-Song, aber einer mit schöner Patina.

Bei der Premiere kam zum Finale Stefan Gwildis auf die Bühne und sang „Tanzen übern Kiez“. Dass da ein lokaler Star den Rauswerfer machte, könnte bedeuten, dass Waller seinen Darstellern und seinem Konzept nicht ganz vertraut.

St. Pauli-Theater Hamburg, bis 14. November, Karten: (040) 4 110 666

mib

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