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Wohnzimmer-Konzert mit Joshua Carson

Lübeck Wohnzimmer-Konzert mit Joshua Carson

Der 45-jährige Musiker reist in seinem Wohnmobil quer durch Deutschland und hat 180 Auftritte im Jahr.

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Ein besonderer Gast: Rund 30 Zuhörer lauschen in der guten Stube der Lübecker Familie Brendel den Songs von Liedermacher Joshua Carson.

Quelle: Olaf Malzahn

Gäste. Der Raum ist in ein sanftes Lila getaucht, Joshua Carson greift in die Saiten seiner Gitarre und blickt mit einem verschmitzten Lächeln in die Gesichter seiner Zuhörer. Um ihn herum sitzen gerade einmal 30 Gäste. Und genau das ist das Geheimnis seiner Musik. „Ich will gar nicht groß rauskommen, ich möchte in die Gesichter blicken können, wenn ich singe. Ich möchte sehen, wenn eine Träne runter läuft oder die Menschen lachen“, sagt der Liedermacher, der Songs im Stil von Reinhard Mey singt. Seit drei Jahren tourt Carson deshalb durch die Wohnzimmer des Landes. Jeden Abend ein neues Haus, eine neue Familie, ein neues Abenteuer.

Meist hat er Glück, manchmal auch nicht. So wie bei einer Party, auf der die Leute eigentlich feiern wollten, statt seinen Texten zu lauschen. Doch gerade die sind Joshua Carson wichtig. Er schreibt seine deutschen Texte selbst, transportiert in ihnen Botschaften. Die Melodien sind eingängig, seine Lieder erinnern hin und wieder an Lagerfeuer-Musik. Es geht um verpasste Chancen, den Mut Neues zu wagen und immer wieder um die Liebe. In seinem Song „In den Wäldern der Vorstadt“ setzt sich der Musiker mit der Zerstörung der Natur auseinander. „Mich ängstigt der Gedanke, dass, wenn ich durch die Vorstadtwälder fernab vom Lärm der Einkaufszentren geh. (...) Dass dieser Ort auf meiner Karte nur ein weiteres Planquadrat ist, auf dem vielleicht schon bald die Bagger und die LKW anrollen“, heißt es darin.

Viele Songs erzählen seine eigenen Geschichten. In „Endlich Montag“ blickt Joshua Carson ironisch auf seine Zeit als Programmierer zurück, in der er sich täglich ins Büro gequält hat. Außerdem singt er das Lied von Bauingenieur Abel, das bei seinen Gästen ein Hit ist und das er einst für die Telefonwarteschleife des Unternehmens geschrieben hat. Als er in dem Song „Glückwärts“ von der großen Liebe singt, streift sein Blick auch Laura. Die junge Frau sitzt im Publikum und ist die Freundin von Joshua Carson. Kennen gelernt hat sie ihn vor zweieinhalb Jahren. Natürlich auf einem Wohnzimmerkonzert. „Lass uns Traumtänzer sein, wir tanzen nur für uns allein. Lass uns lieben und einander in die Seele sehen. Lass uns glückwärts gehen“, heißt es in dem Lied. Und es passt zu Joshua Carson, der nicht viel zum Glücklichsein braucht.

180 Wohnzimmer bereist der gebürtige Bad Segeberger im Jahr. Die Gastgeber buchen ihn, eine Gage verlangt er nicht. Carson lebt davon, dass die Menschen seine CDs kaufen und freiwillige Spenden in eine hölzerne Truhe werfen. Hinter seinem Barhocker steht eine Flasche Lightgetränk, daneben drei Tafeln Schokolade. Das ist alles, was er als Sonderwünsche hat. Fast bei jedem Konzert kommt jemand zu ihm, der ihn auch gerne einmal buchen würde. „So funktioniert das Prinzip seit einigen Jahren“, sagt er zufrieden. Seinen Job als Programmierer hat Carson nach der Ausbildung an den Nagel gehängt, er lebt von seiner Musik.

Wenn der 45-Jährige mit seinem Wohnmobil in Lübeck Halt macht, kommt ein Heimatgefühl auf. Hier hat Joshua Carson selbst lange gelebt. „Früher habe ich als Straßenmusiker vor Niederegger gestanden“, erzählt er, „ein Mal hat mir jemand einen Berliner rausgebracht und gesagt ‘Der ist von der Chefin, schön, dass Sie wieder da sind‘.“ Abends zu sehen, was er tagsüber verdient hatte, daran hatte Carson Spaß. Und es wurde von Tag zu Tag mehr. „Erst konnte ich mir eine kleine Wohnung leisten, dann wurde sie immer größer“, erzählt er. Irgendwann wohnte er auf zwei Etagen mit rund 130 Quadratmetern. Doch glücklicher machte ihn das nicht. Als eine kleine Wohnung unter ihm frei wurde, zog er kurzerhand um. Auf 30 Quadratmetern richtete er sich neu ein, verkaufte und verschenkte seine drei Fernseher und einige Möbel.

Er setzte sich in seinen VW-Bus und tourte einige Zeit herum, spielte überall Konzerte. „Als ich nach Hause kam, habe ich manchmal noch eine Nacht in meinem Bus vor der Wohnung geschlafen“, erinnert er sich schmunzelnd. Von einem Tag auf den anderen entschied er sich, fortan nur noch auf Reisen zu gehen. Er kaufte sich ein Wohnmobil und fing an durch Deutschland zu touren. „Jetzt lebe ich meinen Traum“, sagt er.

Und er bekommt immer mehr Fans. Der neunjährige Moritz singt jedes Lied mit und lässt sich in der Pause ein Autogramm auf seinen Arm schreiben. Dann holt er zwei Euro aus seinem Sparschwein. „Ich möchte auch gerne etwas geben“, sagt er und blickt seine Mutter an. Gastgeberin Karina Brendel lächelt. „Er liebt die Musik so sehr“, sagt sie, „wir sind alle Fans.“ Und auch die eingeladenen Nachbarn sind hin und weg. „Seine Lieder haben Tiefgang, manchmal tun sie auch weh“, sagt Hanne Rathgens.

Wie Joshua Carsons Songs klingen:

Die Konzert-Bedingungen
müssen bei einem Wohnzimmerkonzert mindestens anwesend sein. Konzerte im Garten, bei Hochzeiten oder Geburtstagen gibt Joshua Carson nicht.


Eine Parkmöglichkeit während des Konzerts für das rund neun Meter lange Wohnmobil des Künstlers muss gegeben sein.



Das Konzert ist kostenlos, die Gema-Gebühr von rund 24 Euro müssen die Gastgeber übernehmen. Auch Getränke und Snacks stellen die Gastgeber. Weitere Informationen gibt es auf www.woziko.de.

Maike Wegner

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