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„Worte und Zeichen aus einer Tinte“

Lübeck „Worte und Zeichen aus einer Tinte“

Das Grass-Haus zeigt wiederentdeckte Kunstwerke aus den Studienjahren des Nobelpreisträgers.

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Ausstellungskuratorin Viktoria Krason, früher wissenschaftliche Mitarbeiterin im Grass-Haus, vor den frühen Aquarellen von Grass.

Lübeck. Auch ein Meister beginnt als Lehrling — im richtigen Leben wie in der Kunst. Günter Grass begann sein Kunst-Studium 1948 an der Düsseldorfer Kunstakademie, 1953 ging er nach Berlin, weil er den Wirtschaftswunder-Boom am Rhein nicht länger ertragen konnte und wollte. Seine frühen Arbeiten deponierte er in einem Raum unter der Außentreppe seines Studentendomizils. Dort verblieben sie bis 2013 — Grass hatte sie schlicht vergessen, ein Nachmieter fand sie und überreichte sie dem Schriftsteller und Künstler. Im Lübecker Grass-Haus sind die Arbeiten jetzt erstmals öffentlich zu sehen.

LN-Bild

Das Grass-Haus zeigt wiederentdeckte Kunstwerke aus den Studienjahren des Nobelpreisträgers.

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„Die Ausstellung ermöglicht einen neuen Blick auf den Künstler Günter Grass“, sagte gestern Museumsleiter Jörg-Philipp Thomsa bei der Vorbesichtigung der Ausstellung. Dieser neue Blick führt vor allem zu zwei Erkenntnissen: Günter Grass war schon in jungen Jahren ein hochbegabter Zeichner. Und er hat den durch die NS-Diktatur bedingten Ausschluss von der künstlerischen Moderne intensiv verarbeitet, indem er sich in allen möglichen Stilen der Klassischen Moderne versuchte. Mit erstaunlichem Geschick.

Da finden sich Zeichnungen wie aus dem französischen Surrealismus, Aquarelle, die an Neue Sachlichkeit, Expressionismus und Kubismus denken lassen, Grafiken, die an George Grosz und Otto Dix erinnern: Alles Künstler und Richtungen, die während der NS-Diktatur als „entartet“ galten. Und zu denen der 1927 geborene Günter Grass erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges Zugang bekommen hatte.

Es spricht Neugierde und Abenteuerlust aus diesen Blättern, die Günter Grass noch selbst für die Ausstellung ausgewählt hat. Und eine gewaltige Schaffenskraft. Nach der Erfahrung von Krieg und Unterdrückung standen jetzt alle Zeichen auf Neubeginn in Freiheit, für den jungen Günter Grass war Kunst der Inbegriff dieser Freiheit. Der Titel der Ausstellung „Don‘t fence me in“ (Sperr‘ mich nicht ein) von Roy Rogers sprach den Studenten der späten 1940er und frühen 1950er Jahre aus der Seele. Günter Grass und seine Kommilitonen tanzten begeistert zu diesem Song. Die Freude, den Krieg überlebt zu haben, stand im Mittelpunkt des Daseins. Die Reflexion über das, was in den dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte geschah, kam erst später.

In diesem Überblick über das ganz frühe künstlerische Werk wird aber noch etwas deutlich: Der spätere Literatur-Nobelpreisträger war offenbar schon immer ein passionierter Geschichtenerzähler. In vielen seiner Zeichnungen, Aquarelle und Radierungen arbeitet er mit manchmal schwierig zu entschlüsselnden Chiffren und Zeichen, auf die sich der Betrachter seinen Reim machen muss. Da tauchen Ornamente auf, die sich zu verselbstständigen scheinen, ein Krebs ist auch schon da — als wenn der Künstler Grass schon ganz früh sein Sujet- Material gefunden und geordnet hätte. „Worte und Zeichen aus einer Tinte“ hat er das später genannt.

Günter Grass hat seine Düsseldorfer Lehrjahre auch literarisch verarbeitet. Der dritte Teil der „Blechtrommel“ etwa spielt im Düsseldorf der frühen Nachkriegszeit, die prägenden frühen Jahre tauchen auch in „Beim Häuten der Zwiebel“ auf. In seinem posthum erschienenen letzten Buch „Vonne Endlichkait“ beschreibt Grass seine Überraschung, als ihm der Finder seine wiederentdeckten Bilder brachte.

Und was sagte Grass? — „Das soll von mir sein?“

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Die Sonderausstellung „Don‘t fence me in“ wird heute um 19 Uhr im Grass-Haus eröffnet und ist bis zum 20. Oktober zu sehen. Nach der Begrüßung durch den Museumsleiter Jörg-Philipp Thomsa wird die Ausstellungskuratorin Viktoria Krason in die Thematik einführen. Der Schauspieler Peter Grünig wird Texte von Günter Grass (1927-2016) über seine Düsseldorfer Jahre lesen. Musikalisch umrahmt wird der Abend von der Sopranistin Angelica Cuparius und dem Pianisten Henning Lucius.

Führungen unter dem Motto „Abends bei Grass“ finden am 21.4., 12.5. und am 16.6. jeweils um 10 Uhr statt.

Von Jürgen Feldhoff

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