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Kultur im Norden Wortgewalt mit dem Buschmesser
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20:17 09.04.2016
Henning Sembritzki (unten) filmt seine Augen, die als bedrohliche Kulisse hinter Matthias Hermann (rechts) erscheinen. Quelle: Kerstin Schomburg

Wie bringe ich eine Erzählung, die im afrikanischen Dschungel spielt, auf eine kleine Bühne? Zum Beispiel so: Drei Männer lesen den Text aus Reclamheften vor. Klingt langweilig? Nicht, wenn es so geschieht wie in „Herz der Finsternis“ nach Joseph Conrad, in Szene gesetzt von Gernot Grünewald am Theater Lübeck. Die düstere Collage aus Worten, Bildern und Geräuschen zieht die Zuschauer im Jungen Studio in Bann, verstört sie und zwingt ihnen eine Auseinandersetzung mit der Ausbeutung Afrikas auf.

Robert Brandt, Matthias Hermann und Henning Sembritzki liefern auf der Bühne eine starke Leistung ab. Sind sie Schauspieler? Eher sind sie Rezitatoren, Geräuschemacher, Bühnen- und Maskenbildner in einem. Wenn hinter der Bühne ein riesiges grünes Auge aus einer verkrusteten Landschaft starrt, so ist es Sembritzki, der mit schlammverschmierter Glatze in seine kleine Handkamera starrt, projiziert auf den weißen Bühnenhintergrund.

Zu Beginn noch ist das Studio dreigeteilt, auch der Zuschauerraum. Jeder sieht nur einen der drei Akteure, hört aber alle drei, gleichzeitig. Unheimlich. Sie lesen nicht nur aus Conrads Novelle vom Seemann Marlow, der im Kongo dem Größenwahn des Elfenbeinjägers Kurtz begegnen muss. Sie sprechen auch Texte über den belgischen König Leopold, über Diktator Mobutu mit der Leopardenmütze, und von der gegenwärtigen Ausbeutung Zentralafrikas.

Die rabiaten Methoden ähneln sich, nur die Rohstoffe wechseln: Was früher das Elfenbein und später der Kautschuk war, ist heute Koltan, ein Metall, das für die Produktion von Mobiltelefonen verwendet wird. Während ihre Worte sich überlagern, zerstören die drei Männer die papierenen Trennwände, stechen erst mit dem Finger hinein, später schlagen sie die weißen Bahnen mit dem Buschmesser kurz und klein. Sie schmieren sich gegenseitig mit Schlamm ihre Gesichter schwarz, kriechen umher, schreien, flüstern und imitieren die Geräusche von Dschungelvögeln, Affen und sonstigem Getier.

Das Ergebnis ist eine aufwühlende Konfrontation mit einem Kontinent, dessen Einwohner noch immer unter dem Rohstoffhunger der restlichen Welt zu leiden haben. Die Schilderung Conrads mit gepfählten Köpfen und abgeschlagenen Händen passt nahtlos zu den Massakern von Ruanda. Blut ergießt sich über riesige Kriegsbilder — weil Matthias Hermann mit roter Fingerfarbe vor seiner Kamera ein Papier vollschmiert.

Lübecks „Herz der Finsternis“ enthält kaum Dialoge, kaum Schauspiel — und ist doch eine wortgewaltige Inszenierung. Schade, dass nur 48 Zuschauer in das kleine Studio passen. Weitere Vorstellungen: 10. April (18.30 Uhr), 30. April, 11. Mai (je 20 Uhr)

Von Lars Fetköter

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