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Zeit- und Familiengeschichte

Zeit- und Familiengeschichte

Lübeck. Ein Mädchen treibt Schafe über eine Dorfstraße. Man spürt förmlich den Staub, den die Tiere im Gegenlicht aufwirbeln. Ein Foto fast wie ein Gemälde – das Warten auf den perfekten Moment, das Spiel mit Licht und Schatten sind typisch für die Bilder von Ernst Stewner.

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Jochen Stewner mit einem Foto seines Vaters Ernst Stewner von einer Schäferin.

Quelle: Foto: Felix König

33 Originalaufnahmen zeigt Jochen Stewner in der Lübecker Galerie, und man merkt dem Sohn die Freude darüber an, das Werk seines Vaters präsentieren zu können. „Es ist eine Ehre und ein Dankeschön an meinen Vater.“ Die Bilder sind wie eine Zeitreise: Menschen auf dem Land bei der Arbeit: ein Fischer beim Flicken der Netze, ein Landarbeiter beim Sensen am Hang, ein Töpfer auf der Bank vor dem Haus. Landschaften sind zu sehen und Stadtaufnahmen von Posen und anderen polnischen Städten. Romantische Ansichten aus einer fernen Zeit – und am Himmel strahlen fast immer weiße Wolken.

„Die Stewner-Wolken waren damals fast sprichwörtlich“, sagt Jochen Stewner. Sein Vater hatte in den 1930er Jahren ein großes Fotoatelier in Posen und verkaufte seine Landschaftsaufnahmen und Porträts als Bilder, Postkarten und Leporellos. „In vielen Wohnzimmern hingen damals seine Fotos.“

An jene Zeit kann sich der Sohn Jochen Stewner allerdings nicht erinnern, er wurde 1947 in Nieburg an der Weser geboren, wo die Stewners sich 1945 niedergelassen hatten. Dennoch habe der Vater seinen Blick geschärft für Motive, Perspektive und Stimmungen, sagt Jochen Stewner. In Nieburg hatte Ernst Stewner zwar kein Atelier mehr, aber er fotografierte viel auf seinen Reisen durch die Welt und veranstaltete die damals sehr beliebten Dia-Vorträge. Daheim halfen ihm die vier Kinder nicht nur beim Putzen der Dia-Rahmen, sondern auch bei der Auswahl der besten Motive. „So wurde mein Blick geschult“, sagt Stewner. Er erinnert sich an seinen Vater als einen charismatischen Mann. „Er war ruhig, besonnen und hatte das Gespür für besondere Situationen. Er wollte mit seinen Bildern nicht langweilen.“

Dass er nun die Fotos seines Vaters in Lübeck zeigen kann, ist einem Zufall geschuldet. Auf der Suche nach alten Posen-Fotos nahm der polnische Kunsthistoriker Piotr Korduba Kontakt zu Jochen Stewners Schwester Ute Perrey auf, die selbst eine ausgebildete Fotografin ist und die Arbeiten ihres Vaters aufbewahrt hatte. Im Frühjahr 2010 entdeckte Korduba bei ihr etwa 1200 Bilder von Ernst Stewner. Die Erben entschieden sich, den Nachlass des Vaters dem Marburger Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung zu übergeben.

In Zusammenarbeit des Instituts mit der Familie und dem Kulturzentrum Zamek in Posen wurde das Material bearbeitet und eine Auswahl erstmals 2014 in Posen mit großem Erfolg ausgestellt. „Es kamen sogar noch ehemalige Mitarbeiter meines Vaters und erzählten mit viel Wärme und Respekt von ihm“, sagt Jochen Stewner. Vor wenigen Tagen hat er das Material von Posen nach Lübeck geholt für seine neue Ausstellung, die Zeit- und Familiengeschichte verbindet.

Ernst Stewner, ein deutscher Fotograf in Polen: Galerie Stewner, Wahmstr. 70, bis zum 21. Dezember di-fr 10-13 und 15-18 Uhr

Leidenschaft Fotografie

Ernst Stewner wurde 1907 in Wolhynien in einer Familie deutscher Kolonisten geboren. Nach Kriegsausbruch und Eingliederung Posens in das Deutsche Reich übernahm er ein großes Fotoatelier und baute es trotz erschwerter Bedingungen während der deutschen Okkupation weiter aus. Ende 1944 brachte er wegen der nahenden Front seine Fotos und Negative von Posen zunächst nach Stettin und im Februar 1945 in den Westen.

Das Kriegsende zwang die Familie 1945 dazu, Polen zu verlassen. Ernst Stewner ließ sich in Nieburg an der Weser nieder und wurde dort Teilhaber einer Chemiefabrik. Das Fotografieren betrieb er dann nur noch als Hobby.

Die Fotos seiner Reisen präsentierte er in Dia-Shows. Ernst Stewner starb 1996.

Petra Haase

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