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Zeitgeist ohne Hüllen

Köln Zeitgeist ohne Hüllen

Seit 1963 veröffentlichen prominente Fotografen Aktbilder im Kalender des Reifenherstellers Pirelli. Jetzt gibt es alle Kalender in einem Band: Ästhetik- und Sittengeschichte aus fünf Jahrzehnten.

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Laetitia Casta 1999 von Herb Ritts im Stile der 50er-Jahre fotografiert.

Quelle: Calendario Pirelli/herb Ritts

Köln. Welches Jahrzehnt war eigentlich freizügiger? Es ist schon seltsam: Während man gern auf die prüde Zeit der Eltern, vielleicht in den 1960er-Jahren, verweist, ändert sich der Zeitgeist unmerklich zu einer neuen Prüderie und Widersprüchlichkeit. Vor 50 Jahren war völlige Nacktheit ein Tabu. Sich so fotografieren zu lassen ebenso. Heute ist das anders. Junge Leute entwickeln zwar in der Öffentlichkeit — am Strand, im Schwimmbad, in der Sauna — eine neue Scham, erste Wellnesshotels verlangen im Saunabereich Badebekleidung. Zugleich fallen anderswo die Hemmungen. Selfies, die viel Haut zeigen, werden im Internet veröffentlicht — kein Problem.

Das ist der Zeitgeist. Ist das Zeitgeist? Zumindest ist es ein Zeichen ästhetischer Realität. Der Drahtseilakt mit dem Akt, die Angst vor der Nacktheit oder eben die Lust an ihr.

Seit 1963 wird der Pirelli-Kalender produziert. Im Taschen-Verlag liegt nun ein großformatiger, fast 600 Seiten dicker Band mit Bildern aller Kalender und auch mit Fotos von den Bildproduktionen vor.

Ein wuchtiges Werk, das Bände spricht über jedes Jahr, das er im Aktfoto festhält, ein. üppiges Stück Zeit- und Sittengeschichte des weltweiten Ästhetizismus Es beginnt 1963 mit einer unveröffentlichten Fotostrecke des Pirelli-Fotografen Terence Donovan, der Models aus Exportregionen des italienischen Reifenherstellers ablichtet. Ziel war es, Kunden mit einem Druckobjekt zu beschenken, das an die Bildsprache der Pin-ups von Norma Jean Baker, später bekannt als Marilyn Monroe, aus den 1950er Jahren anknüpfte.

Von 1964 bis 1971 waren die Models noch bekleidet. Die Aktfotografie spielte keusch mit Dekolletés, Bikinis und einer Art Wet-T- Shirt-Vorläufer. Bilder von völlig nackten Frauen wurden aussortiert.

Der Taschen-Band zeigt sie nun. Die ersten Nackten tauchen 1971 auf Fotos auf, die Francis Giacobetti auf Jamaica aufgenommen hatte — mit der Weichzeichner-Erotik eines David Hamilton. Bis 1974 spielen die Fotografen gern mit Accessoires, ließen Wasser spritzen, zeigten Bodypaintings oder Strapse. Dann die große Pause oder, wie es im Bildband heißt: der lange Winter für die Pirelli-Gemeinde. Von 1975 bis 1983 erschien der Kalender nicht.

Dann die 1980er Jahre. Erste Supermodels wie Waris Dirie und Naomi Campbell tauchen auf, die von Fotografen-Stars wie Bert Stern oder Terence Donovan glamourös in Szene gesetzt werden. Das Jahrzehnt wird mit dem hemmungslosen Spiel mit aufgehobenen Geschlechterrollen, mit wilder Sexualität und der Ästhetik hochauflösender Bilder wiedergegeben. 1990, zum Höhepunkt des Körperkults, zieht Arthur Elgort nicht nur Models, auch Spitzensportlerinnen aus. Hochspringerin Laurie Bernhardt und andere Athletinnen des französischen Olympia-Teams wurden im Stil antiker Wettkämpfe fotografiert.

Weiblichkeit erhält hier erstmals nicht nur einen ästhetisch-verspielten oder erotischen, auch einen athletischen Touch — gemäß der gesellschaftlichen Übereinkunft der Zeit.

Es geht weiter mit den Stars hinter der Kamera wie Richard Avedon, Herb Ritts, Peter Lindbergh, Karl Lagerfeld, Mario Testino, Annie Leibovitz, für die Supermodels wie Cindy Crawford, Tajana Patitz, Helena Christensen, Kate Moss, Nadja Auermann, Laetitia Casta und später Gisele Bündchen oder Heidi Klum posieren. Auch Hollywoodstars wie Nastassja Kinski, Monica Bellucci, Penelope Cruz oder Julianne Moore lassen die Hüllen fallen. Nacktheit wird über die Ästhetik zur Pose völliger Natürlichkeit — vorausgesetzt, sie entspricht den exorbitant hohen Anforderungen der Foto-Künstler.

Die Überhöhung des Ästhetizismus im Körperkult liefert Lagerfeld 2011 mit Bildern göttlicher Models wie Lara Stone, Erin Wasson oder erstmals männlichen, androgynen Models wie Baptiste Giabiconi.

Freizüger, direkter wurde es 2012 mit Mario Sorrenti, der seine Models auf Korsika ohne Tabus zeigte, während Steve McCurry 2013 eine Retrospektive bot und seine Models angezogen ließ. Schönheit, die über Gesichter und Lebensfreude wirkt.

2015 setzt Annie Leibovitz neue Akzente, indem sie Frauen wie die Komikerin und Feministin Amy Schumer oder Tennisstar Serena Williams zeigt, wie sie sind — nicht vollkommen. Damit ist die globale Ästhetik über 50 Jahre perfekt, wie es im Vorspann von Pirelli-Chef Marco Tronchetti Provera heißt.

PIRELLI — THE CALENDAR
Der Bildband „Pirelli — The Calendar.

50 Years and more“, herausgegeben von
Philippe Daverio, dem früheren Kulturdezernenten der Stadt Mailand, ist im Taschen-Verlag erschienen. 576 Seiten, 49,90 Euro.
Sinfonia-Kalender
Mitten im Orchester sitzen, wenn sinfonische Werke gespielt werden? Zwischen glänzendem Blech, konzentrierten Streichern, zu Füßen des Dirigenten? Der Kalender „Sinfonia 2016“
erzeugt diese Illusion mit Nahaufnahmen. Dass es die Württembergische Philharmonie Reutlingen ist, die Fotograf Jürgen Lippert abgelichtet hat, ist nebensächlich. Die Bilder sind ohne Ort und Zeit, und die Musik muss der Betrachter selbst auflegen. Der großformatige Kalender ist im Nomada-Verlag erschienen, 26,95 Euro.
Kuriose Gedenktage
Wussten Sie, dass der 24. Januar „Welttag der sozialen Kommunikationsmittel“ ist? Und dass er auf Papst Paul VI. und das Jahr 1967 zurückgeht? Es ist der Festtag des heiligen Franz von Sales, des Patrons der Journalisten. Der Kalender „Kuriose Gedenktage 2016“ erklärt dieses und andere mysteriöse Daten nicht, aber er liefert wunderbar eigenwilligen Zeichnungen des Künstlers Mehrdad Zaeri zum „Welttag des Strickens“ (13. Juni) oder zum „Welttag des Regens“ (29. Juli). Erschienen ist „Kuriose Gedenktage“ im Dumont-Verlag, 16,99 Euro.

Michael Meyer

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