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Kiel Zeitgemäßes und Unzeitgemäßes

Die Kieler Ausstellung „Old School“ zeigt, wie die Kunst Werte und Traditionen bewahrt.

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Hommage an Paul Klee: Bilder von Martin Assig aus seiner Werkserie „St. Paul“.

Quelle: Foto: dpa

Kiel. Für Martin Assig besteht „Menschlichkeit“ aus vielen farbenfrohen Streifen. Der Künstler versieht viele seiner häufig abstrakten Bilder mit Texten — und lässt somit Betrachter nicht im Ungewissen. Bilder aus seiner Serie „St. Paul“, eine Huldigung an Paul Klee, nehmen mehrere Wände ein in der Ausstellung „Old School — Anachronismus in der zeitgenössischen Kunst“ in der Kunsthalle zu Kiel. Man trifft auf Che Guevara und auf einen Teddybären, die allerdings beide ohne Worte auskommen.

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Hommage an Paul Klee: Bilder von Martin Assig aus seiner Werkserie „St. Paul“.

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Assig verwendet Tuschkastenfarben und Pastellstifte, „schnöde Materialien der Hobbymalerei“, wie er sagt. Auch eine großformatige Arbeit von ihm ist zu sehen, „Schreikleid“. Auf der kunstvoll gestalteten Robe hat der Schmerz seinen Platz im Brustbereich: zwei menschliche Gesichter mit aufgerissenen Mündern. Assig, Jahrgang 1959, hat für das Bild eine Technik verwendet, die fast in Vergessenheit geraten ist: die Enkaustik. Für die Farben werden Pigmente in Wachs gemischt. Künstler der Antike bedienten sich dieses Verfahrens. Eine anachronistische Methode der Farbherstellung?

Assig gibt zu bedenken, dass der Begriff „Anachronismus“ voraussetze, dass es einen richtigen, einen zeitgemäßen und allgemein gültigen Standpunkt gebe.

In der Ausstellung geht es nicht darum, verzopfte und rückwärtsgewandte Positionen vorzuführen. Anachronismus kommt in verschiedenen Facetten daher. In der Verwendung alter Materialien oder althergebrachter Techniken oder der Rückbesinnung auf motivische Bildtraditionen zum Beispiel. Anette Hüsch, Leiterin der Kunsthalle, die die Ausstellung gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Natascha Driever kuratiert hat, verweist auf die Wiederentdeckung von Werten, Gegenständen und Techniken aus dem analogen Zeitalter. So gewinne analoge Fotografie an Popularität, die Zeitschrift „Landlust“, die der immer komplizierter werdenden Umwelt Überschaubarkeit und Naturverbundenheit verheißt, schraubt ihre Auflage kontinuierlich nach oben. „Das Beruhigende an einem Gemälde ist, dass es still steht. Es wird nicht wie die Bilder auf Youtube dauernd vom nächsten Bild, vom nächsten Klick ausgelöscht“, zitiert Hüsch in einer Publikation, die zur Ausstellung erschienen ist, einen Satz aus der Zeitschrift „Brand eins“.

38 Werke und Werkserien von 14 Künstlerinnen und Künstlern aus Europa, den USA und Kanada, die zum Teil als Duos tätig sind, werden präsentiert. Es geht um grundlegende Dinge: um unsere Wahrnehmung oder darum, woher wir kommen und was eigentlich ein Künstler ist. Der Schotte David Shrigley, in diesem Jahr für den renommierten Turner-Prize nominiert, nimmt sich dieser Fragen auf ganz unkomplizierte Art und Weise an. In einem seiner Strichmännchen-Filme lässt er einen Künstler sehr originalgetreu einen Akt malen. Und erklärt, was künstlerische Freiheit ist: Die Mundwinkel des Modells zeigen auf dem Bild nach oben statt nach unten.

Nicht immer macht es die sehenswerte Ausstellung den Besuchern so einfach. Der in Berlin lebenden kanadischen Künstlerin Larissa Fassler geht es um unsere räumliche Orientierung, die unter anderem durch den Einsatz von Navigationsgeräten zu verkümmern droht. Fassler hat einen sozialen Brennpunkt in Berlin, das Kottbusser Tor, zur Karton-Skulptur modelliert. Ihr Maßstab: die Länge ihrer Schritte entspricht drei Zentimetern. Zwei großformatige collageartige Tafelbilder ergänzen ihre Skulptur.

Wer will, findet neben „Old School“ weitere Zeit-Kritik. Taryn Simon und Aaron Swartz führen in ihrem „Image Atlas“ vor, wie Suchmaschinen unser Bild der Wirklichkeit formen. Franco und Eva Mattes arbeiten mit einem Computerspiel, in dem es darum geht, möglichst viele Mitspieler zu erschießen. Hier kann der Mensch selbst als Anachronismus erscheinen.

14 Künstler und eine Publikation
„Old School — Anachronismus in der zeitgenössischen Kunst“ wird heute um 19 Uhr in der Kunsthalle zu Kiel eröffnet. Die Ausstellung ist zu sehen bis zum 26. Januar 2014.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch von 10 bis 20 Uhr. Eintritt 7/4 Euro, Familienkarte: 12 Euro, Führungen: 1 Euro


Insgesamt 14 Künstler sind an der Ausstellung beteiligt: Anita Albus, Martin Assig, Andreas Bunte, Marcel van Eeden, Elger Esser, Larissa Fassler, Olaf Holzapfel, Ulrike Kuschel, Eva und Franco Mattes, Tadej Pogacar, David Shrigley, Taryn Simon und Aaron Swartz.

Führungen gibt es immer mittwochs um 18 Uhr, außerdem sonntags um 11.30 Uhr und um 16 Uhr. Sonderführungen sind nach Vereinbarung möglich. Telefonische Anmeldung unter: (0431) 880 57 54.


Ein Heft zur Ausstellung enthält Aufsätze der Kuratorinnen Annette Hüsch und Natascha Driever mit Ausführungen zu Anachronismus in der zeitgenössischen Kunst (Hüsch) und zu Formen anachronistischer Künstlerstrategien (Driever).

Zwölf Beiträge beschäftigen sich mit den beteiligten Künstlern und ihren Beiträgen zu der Ausstellung. (48 Seiten, 12 Farbabbildungen, 8 Euro)

Liliane Jolitz

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