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Kultur im Norden Ziehen und Zerren, Zweifeln und Zagen
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22:20 09.05.2016

Operation gelungen, Patient tot: Frau Dr. med. Amor kümmert sich in aller Freundschaft um ihre frisch verstorbenen Privatversicherten. Die Chefärztin der noblen Letalklinik, deren Stimme die Koloratursopranistin Hye Jung Lee unter hohen Stuckdecken ein beinahe gefährlich keimfreies Glitzern verleiht, weiß zudem, was die trauernden Angehörigen jetzt brauchen:

eine Dosis Hoffnungstraum, ihren geliebten Toten unterschwellig doch irgendwie noch nah bleiben zu können.

Die vielgerühmte amerikanische Choreografin Lucinda Childs und ihr Ausstatter-Team mit Paris Mexis (Bühne und Kostüme) und George Tellos (Licht) drehen in Christoph Willibald Glucks frühklassischem Musiktheater-Geniestreich „Orpheus und Eurydike“ die große mythische Utopie — die Kunst sei in der Lage, sogar den Tod zu überwinden — auf ganz klein. Eher nüchtern verhallt die legendär-betörende Kraft des Sängers hier als Hirngespinst eines Traumatisierten im Hier und Jetzt.

Fast ein Paradox: In ihrer allemal hochästhetischen, wohlgeordneten und kontrastreich alles erhellenden Inszenierung schafft die Regie zugleich sehr viel Raum für die intensive Wahrnehmung von Glucks ewig frischer, enorm vielgestaltiger Musik.

Der in Kiel als Spezialist für Opern des 17. und 18. Jahrhunderts ausgesprochen gern gesehene Gastdirigent Rubén Dubrovsky nutzt diese Freiräume famos: Unter seiner Leitung knistert und rast, seufzt und betört die Oper, dass es eine Freude ist. Die Kieler Philharmoniker tönen im hochgefahrenen Orchestergraben reich gestaffelt. Es gibt mit der szenisch integrierten Bühnenmusik reizvolle Echoeffekte. Und auch der Chor, einstudiert von Lam Tran Dinh, fügt sich trotz kleiner Einsatzwackler sehr geschmeidig und ausdrucksstark zwischen Trauerton, Höllenfeuer und Jubel in ein Hörbild, das optisch durch die schwarz-weißen Gegensätze im Oben und Unten von Realität und Totenreich unterstrichen wird.

Gewählt hat man, ausgehend von der üppigeren französischsprachigen Pariser Variante von 1774, eine bei der Edition Peters verlegte Mischfassung. Die wird zwar von einigen Gluck-Forschern als „Verbrechen“ eingestuft, funktioniert aber gut.

Das gilt auch für die seit Berlioz‘ Zeiten besonders beliebte Besetzung des Orpheus mit einem Mezzosopran anstelle eines Tenors. Die Georgierin Tatia Jibladze begeistert mit warm strömenden Tönen und gekonnter Jünglingsattitüde. Ein, zwei zu matte Stellen in Premieren-Überspannung werden durch viel flehentliche Intensität oder die mitreißend beschleunigt herzklopfenden Selbstvorwürfe (Arie: „Ach, ich habe sie verloren!“) bei weitem aufgewogen. Entsprechend riesig fällt der Premierenjubel für die junge Sängerin aus. Auch Heike Wittlieb trägt als Eurydike spürbar das Herz auf den Stimmlippen.

Ihr Spektrum an kleinen vokalen Nuancen ist enorm.

Im Ziehen und Zerren, Zweifeln und Zagen ihres gemeinsamen Duetts hat auch die ansonsten eher asketische Personenregie ihre intensivsten psychologisierenden Momente in der Körpersprache; während Childs für die Ballett-Compagnie im Gewittersturm an der Höllenpforte wiederum mehr einfällt als beim allzu braven Spitzentanz in elysischen Gefilden. Aber wir sollen ja gerade im Sinne des Ursprungsmythos begreifen, dass diese paradiesische Happy-End-Liebesfeierei ein leeres Traumbildversprechen bleibt. Auch schöne Stimmen und moderne Mediziner können da nichts machen — nicht mal, wenn sie Amor heißen.

Aufführungstermine im Opernhaus Kiel am 22. und 26. Mai, 7. und 19. Juni sowie 1., 6. und 7. Juli.

Karten: (0431) 901901.

• Internet: www.theater-kiel.de

Von Christian Strehk

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