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Zu Hause bei Helmut Schmidt

Zu Hause bei Helmut Schmidt

Hamburg. Hier hätte er sitzen können, hier oben am Schreibtisch im Arbeitszimmer im ersten Stock.

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Das Wohnzimmer: Der Stuhl war ein Geschenk zum 65. Geburtstag. Loki Schmidt hatte auch so einen, dazwischen stand das Schachbrett, auf dem sie oft spielten.

Quelle: Fotos: Olaf Malzahn

Hamburg. Hier hätte er sitzen können, hier oben am Schreibtisch im Arbeitszimmer im ersten Stock. Den Aschenbecher vor sich auf der zernarbten Tischplatte, Stifte, eine Uhr, Telefon, gestapelte Papiertaschentücher, Batterien für das Hörgerät. Hinter sich die wichtigen Bücher, die immer zur Hand sein mussten. In einer Vitrine Gedenkmünzen und Ringe, ein Schachspiel aus der Kriegsgefangenschaft.

Hier also hätte er sitzen und David Cameron schreiben können, was er hält von Leichtmatrosen im Staatsmänneramt. Aber der Stuhl ist leer. Helmut Schmidt ist nicht mehr da. Und die Leichtmatrosen werden zahlreicher. Und überhaupt ist in diesen Tagen kaum etwas, wie es mal war.

In Schmidts Haus aber, am Neubergerweg in Hamburg-Langenhorn, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Im November ist er gestorben, fast 97 Jahre alt. Und jetzt sieht es aus, als wäre er nur mal eben aus dem Zimmer gegangen. Es wurde nichts verändert in den Räumen. Es blieb alles an seinem Platz. So hatte er es gewollt, und so hatte er es verfügt. Selbst in der Garderobe hängen noch seine Mäntel.

Es wird ein Museum werden, dieses Haus, in dem er mit seiner Frau Loki rund fünf Jahrzehnte gelebt hat. Im Dezember 1961 sind sie eingezogen, kurz vor Weihnachten und wenige Wochen, bevor die Republik auf einen Polizeisenator namens Schmidt schauen sollte, der während der Sturmflut als einziger Hamburger die Nerven behielt. So jedenfalls klingt es in der Rückschau.

Aus dem Polizeisenator wurde der Kanzler, aus dem Kanzler der Weltendeuter, eine der großen Figuren des vorigen Jahrhunderts. Das Haus aber blieb ein Haus in Hamburg-Langenhorn, einfach und berückend in seiner bürgerlichen Bescheidenheit. Und im Hintergrund lärmen die Maschinen vom Flughafen Fuhlsbüttel.

Tatsächlich sind es zwei Häuser, die auf dem nicht allzu großen Grundstück stehen. Sie liegen etwas abseits der Straße, verborgen hinter Büschen und Bäumen. In dem rechten haben vorne die Schmidts gewohnt, in der hinteren Hälfte anfangs Helmut Schmidts Vater. Später haben sie das Haus gegenüber dazugekauft und vor zehn Jahren einen Archivtrakt anbauen lassen. Man muss ein kleines Gartentor passieren, zwei gesicherte Pforten, dann steht man vor einer Haustür mit einer kleinen Rampe, und neben der Klingel steht „Helmut Schmidt“ auf dem Schild.

Rollator und Rollstuhl

Hinter der Tür betritt man den Flur. Rechts geht es in eine kleine Küche mit gelben Schränken und grünen Fliesen. Links führt die Treppe mit dem Lift hoch zum Arbeitszimmer, wo auch sein Rollator steht. Mit ihm bewegte er sich zuletzt in der Wohnung, draußen nahm er den Rollstuhl. Gleich beim Eingang weist auf einer Anrichte Friedrich II. den Weg, immer noch.

Dieses Haus war eines zum Leben und zum Arbeiten, sagt Stefan Herms, geschäftsführender Vorstand der Helmut- und Loki-Schmidt- Stiftung. Das sieht man ihm auch an. Es ist die Summe zweier Existenzen, zweier Menschen, die Bilder mochten und Bücher und kleine Dinge, die man in Vitrinen legen kann. Es sammelte sich etwas an über die Jahre, und für vieles fand sich ein Platz.

Die Wände sind dicht behängt mit Bildern von Bernhard Heisig und Worpsweder Malern, mit Zille-Zeichnungen und Arbeiten von Marc Chagall. Im Esszimmer finden sich Figuren von Ernst Barlach. Stoßzähne stehen am Eingang zur Bar, die nach Schmidts Leibwächter „Otti“ Heuer benannt ist und im Übrigen nicht im Keller liegt, sondern neben dem Wohnzimmer. Auch da ist kein Platz mehr frei: viel Maritimes, eine „Ehren-Texaner“-Urkunde, über der Theke hängt ein Schiff, ringsum reihen sich Flaschen und Bierkrüge in den Regalen.

Wo keine Bilder hängen und keine Vitrinen stehen, sind Bücher untergebracht. Ganze Literaturregimenter sind angetreten, das stumme Erbe eines manischen Lesers. Ludwig Thoma steht da neben einem Meter Balzac, es finden sich Goethes „Sämtliche Werke“ und eine Brockhaus-Enzyklopädie. Wilhelm Busch begegnet Machiavelli und Buddhistischem über „Das Rätsel des Lebens“. Schwere Kunstbände stehen im Regal, Biografien von Karajan und Berthold Beitz, der Jahresbericht der Hamburger Handelskammer von 1986. Sophokles reiht sich an Euripides, Horst Köhler an Kurt Biedenkopf. Carl Jacob Burckhardt braucht einiges an Platz, die Philosophen und Staatsrechtler brauchen noch mehr, und die blauen Bände von Marx und Engels stehen nebenan im Archiv.

Es gibt hier keinen falschen Glanz im Haus. Es findet sich nichts zum Renommieren. Es gibt einen Flügel, weil Helmut Schmidt Klavier spielte, und es gibt einen Kamin. Ansonsten gibt es Möbel aus den Siebzigerjahren, eine große Nüchternheit, und draußen lehnen weiße Plastikstühle am Gartentisch wie beim Kiosk im Freibad.

Maitanz im „Hotel Tomfort“

Das hier war kein Landsitz. Das hier war kein Palais eines Staatenlenkers. Es war noch nicht mal der gediegene Sitz eines hanseatischen Kaufmanns mit all dem nur halb verborgenen Stolz. Das hier war das Haus zweier Menschen, die sich wenig machten aus eitlen Spiegelfechtereien, und die auch schon mal zum Tanz in den Mai im „Hotel Tomfort“ an der Langenhorner Chaussee gingen, wenn sie Lust hatten und Zeit.

Und trotzdem schaute hier die Weltpolitik vorbei. Trotzdem saß hier Leonid Breschnew neben Willy Brandt und Loki Schmidt auf dem Sofa, war Henry Kissinger öfter zu Gast und unterhielt sich der Hausherr mit Frankreichs Giscard d’Estaing auf Englisch, wenn der Freund zu Besuch kam.

„Er war halt einfach ein Hanseat“, sagt Andrea Bazzato, die sechs Jahre Schmidts Büro bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ geleitet hat und jetzt als Referentin für die Stiftung arbeitet. „Freundlich, eher zurückhaltend, ein brillanter Geist. Smalltalk war ihm verhasst.“ Aber er konnte verquere Fragen stellen. Etwa ob der Salzgehalt der Ostsee oben in Dänemark höher als anderswo sei, weil sie dort auf die Nordsee trifft, wenn man in Skagen Urlaub gemacht hatte, und dann war man manchmal doch ziemlich überrascht.

„Können Sie Steno?“, hat er als Erstes wissen wollen beim Einstellungsgespräch. Ja, konnte sie. Und das war gut so, denn er schrieb seine Bücher mit der Hand oder diktierte sie in den Block. Er hat bis zuletzt gearbeitet und war immer noch ein paar Tage die Woche in der Redaktion der „Zeit“. Es ging täglich Post hin und her zwischen seinem Büro und zu Hause, er hielt sechs Vollzeitmitarbeiter in Bewegung. Und seine Gebrechlichkeit nahm er hin mit dem Gleichmut eines Menschen, der viel gesehen hatte. „Man muss das eben ertragen“, sagte er. „Mit Gelassenheit.“

Online durch das Haus am Neubergerweg

Anfang September soll das virtuelle Museum aller Voraussicht nach fertig sein. Dann kann man sich unter www.helmut-und-loki-schmidt-stiftung.de online ansehen, wie Helmut und Loki Schmidt gewohnt haben.

Dass das Haus im Neubergerweg in Hamburg-Langenhorn ein Museum werden soll, hatte der Altkanzler lange vor seinem Tod verfügt. Die Idee jedoch, es für Besucher zu öffnen, wurde schnell verworfen. Nicht zuletzt, um den Nachbarn keinen zusätzlichen Verkehr zuzumuten.

Das Anwesen mit den zwei Häusern gehört der Helmut- und Loki- Schmidt-Stiftung. In einem der Gebäude ist das Archiv untergebracht. Neben einer umfangreichen Bibliothek und einem großen Fundus an Fotos seit Ende der Zwanzigerjahre stehen dort auch etwa 2800 Aktenordner. Darin finden sich neben Presseartikeln seit 1947 auch Briefwechsel mit Politikern und anderen Personen aus aller Welt. Die Bestände aus den inzwischen aufgelösten Büros des Altkanzlers in Berlin und bei der „Zeit“ werden derzeit in das Archiv integriert. Es gebe vermutlich kaum ein Politikerleben, das so gut dokumentiert ist wie das des Altkanzlers, sagt der geschäftsführende Stiftungsvorstand Stefan Herms.

Wissenschaftlicher Zweck der Stiftung ist die Auseinandersetzung mit dem Leben von Helmut und Loki Schmidt sowie mit Willi Berkhan, Sozialdemokrat wie Schmidt, Politiker, Staatssekretär, Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages und einer der engsten Freunde des Altkanzlers. Sein Porträt hängt auch im Flur des Hauses. Schon jetzt kommen laufend Anfragen von Wissenschaftlern aus aller Welt, sagt Stiftungsreferentin Andrea Bazzato.

Der Bundestag hat die Gründung einer „Bundeskanzler Helmut Schmidt Stiftung“ auf den Weg gebracht. Sie soll vom Bund mit jährlich rund zwei Millionen Euro unterstützt werden und ihren Sitz in Hamburg haben. Ähnliche Stiftungen existieren schon für Otto von Bismarck, Friedrich Ebert, Theodor Heuss, Konrad Adenauer und Willy Brandt.

Peter Intelmann

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