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„Zu freundlich zu sein, kann man mir nicht vorwerfen“

„Zu freundlich zu sein, kann man mir nicht vorwerfen“

Der Kabarettist Hans Scheibner feiert morgen seinen 80. Geburtstag – mit einem großen Auftritt in der Hamburger Laeiszhalle und seinem neuen Buch „In den Himmel will ich nicht“.

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Sieht harmlos aus, kann aber auch ganz giftig und trotzdem sehr unterhaltsam werden: Kabarettist Hans Scheibner beim Auftritt auf Fehmarn.

Quelle: Scheibner

Hamburg Kabarettist Hans Scheibner hat sich mit kritischen Äußerungen zum Zeitgeschehen nie zurückgehalten. Als er in der NDR-Talkshow zum Thema „30 Jahre Bundeswehr“ in Anlehnung an das Kurt-Tucholsky-Zitat sang: „Mit Mördern teilen sie (die Soldatenfrauen) ihre Betten“, verlor er danach 1985 zuerst seine Kolumne im „Hamburger Abendblatt“, dann seine NDR-Sendung „scheibnerweise“. Auch die „Hamburger Morgenpost“ kündigte ihm wegen inhaltlicher Differenzen seine Mitarbeit. Morgen wird Hans Scheibner 80 Jahre alt.

LN-Bild

Der Kabarettist Hans Scheibner feiert morgen seinen 80. Geburtstag – mit einem großen Auftritt in der Hamburger Laeiszhalle und seinem neuen Buch „In den Himmel will ich nicht“.

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In Ihrem neuen Buch schreiben Sie „Mein Leben war ein Riesenvergnügen“. Was braucht es für Sie, um das sagen zu können?

Hans Scheibner: Das ist natürlich ein bisschen ironisch gemeint. Wenn man so viele Widerstände und Gegner hatte, dann darf man denen ja nicht gönnen, dass sie sich darüber freuen, sondern man muss das nutzen als Material. Insofern hatte ich doch wirklich ein Riesenvergnügen. Aber auch sonst habe ich Glück gehabt im Leben, eine wunderbare zweite Frau gefunden und zuvor mit der ersten auch sehr glücklich gelebt. Es ist mir gut gegangen. Und dass ich Geld verdienen kann mit dem, was ich am liebsten mache, nämlich schreiben, das war schon immer mein Traum.

Vor allem Ihre Mutter hat Sie eine grundsätzliche Freude am Leben gelehrt, schreiben Sie. Was verdirbt Ihnen diese Freude, nimmt Ihnen den Optimismus?

Scheibner: Das sind hauptsächlich die religiösen Probleme, die es in dieser Welt immer wieder gibt. Dass ein friedliches Zusammenleben aller Völker nicht möglich zu sein scheint.

Man hat Ihnen einerseits vorgeworfen, in Ihrer Satire zu freundlich zu sein. Andererseits hält man Sie für eine bösartige linke Socke. Was von beidem tut mehr weh?

Scheibner: Ach, zu freundlich zu sein, das kann man mir eigentlich nicht vorwerfen, finde ich. Ich mache eben gern humoristische Geschichten, und die sind auch am beliebtesten – wenn ich den Alltag im Sinne von Loriot aufgreife. Natürlich befriedigt das nicht die verbohrten, ganz sittenstrengen Linken, die es monieren, wenn ich mal wieder nichts über die Ausbeutung der Armen gebracht habe. Aber das kann man doch nicht in jeder Geschichte machen!

„Ich habe nicht den Ehrgeiz, etwas zu verbessern“: Das ist ein Zitat aus Ihrem Buch. Was treibt Sie dann an, gelegentlich zu vorlaut zu sein, wie Sie es selbst nennen?

Scheibner: Natürlich sind das Überlegungen: Wenn man statt sich zu wehren immer brav gewesen wäre, hätte man ein ruhigeres Leben gehabt. Aber trotzdem kein besseres. Ich merke, dass einige Kollegen, die ich sehr verehre, den anderen Weg gegangen sind und nur das Komische aufgreifen, aber damit auch etwas erreichen. Weil Humor eben auch Widerstand ist. Das hätte ich genauso machen können. Wollte ich aber nicht.

Können Sie eigentlich restlos abschalten, oder sind Ihre Antennen immer auf Empfang – obwohl Sie nun nicht mehr täglich, sondern „nur“ einmal wöchentlich für die Zeitung ein passendes Glossenthema finden müssen?

Scheibner: Nee, so richtig gemütlich kann ich es mir nicht machen. Obwohl ich es auch liebe, dicke Bücher zu lesen und mich dafür zurückzuziehen. Aber es springt einen ja immer an, all das, was da so geschieht an Wahnsinn in der Welt. Diese Nachrichten als Journalist verarbeiten zu müssen, das habe ich eine Zeitlang getan und es dann wieder gelassen. Die besten Einfälle, die man hat, die stehen dann in der Zeitung, und am nächsten Tag wickeln sich die Leute ihre Kartoffeln darin ein. Also habe ich versucht, etwas Zeitloseres zu schreiben. Das ist auch immer noch die Substanz meiner Vorstellungen: Ich führe die Leute von einer Horrorgeschichte und einem politischen Absurdistan wieder zurück in das komische Deutschland, in ihr komisches Zuhause.

Sie feiern Ihren 80. Geburtstag auf der Bühne einer großen Halle in Ihrer Heimatstadt. Was sagt die Familie dazu?

Scheibner: Die reist ja trotzdem an, aus Berlin und aus Hamburg. Natürlich fragen meine Töchter ,Mensch, Papa, musst du das denn immer noch haben?' Und dann sag ich: Ich muss das nicht immer noch haben, aber ich möchte es. Und mal ganz ehrlich, der Geburtstag ist doch eh ein verlorener Tag, da kann man doch sehr gut auf der Bühne stehen. Interview: Sabine Räth

Der Berufsspötter

Hans Scheibner wird am 27. August 1936 in Hamburg geboren. Nach dem Krieg absolviert er die Handelsschule und wird Kaufmann. Berufliche Stationen sind Werbeleiter, Pillenverkäufer, „Bestechungsgeldverwalter und Hintertreppenjournalist“ (Originalton Scheibner), auch erledigt er einige Auftragsarbeiten fürs Fernsehen, bis er sich schließlich ganz aufs Schreiben und Liedermachen konzentriert.

Bekannt wird er vor allem durch Fernsehsendungen wie „scheibnerweise“ oder „Walther & Willy“ und sein weihnachtliches Bühnenprogramm „Wer nimmt Oma?“. Erfolg hat er auch mit Liedern („Schmidtchen Schleicher“, „Das macht doch nichts, das merkt doch keiner“ und „Hamburg ’75“) sowie fünf Bühnenstücken. Mit seinen satirischen Werken sorgt er nicht nur für einige Eklats, sondern eckt auch in der linken Szene und bei einigen seiner Kollegen an. Scheibner lebt in Hamburg, ist mit der Schauspielerin Petra Verena Milchert verheiratet und Vater von vier Töchtern.

Geschichten aus acht Jahrzehnten

Millionen Zuschauer und Leser, jahrzehntelang auf der Bühne, Ordnungs-, Kirchen- und andere Mächte als Feinde – all das findet Hans Scheibner großartig. Sein Fazit, gezogen im Buch „In den Himmel will ich nicht!“, steht gleich im ersten Absatz: „Mein Leben war ein Riesenvergnügen.“ Da haben die angekündigten Geschichten aus acht Jahrzehnten noch gar nicht angefangen. Scheibner schlägt den Bogen von den Bombennächten in seiner Heimatstadt Hamburg, der Flucht nach Polen und wieder zurück an die Elbe über die berufliche Laufbahn und das Privatleben bis hin zur Karriere als Lästerlyriker, Am-Heimatland-Herumnörgler und später als Vater von vier Töchtern. Die 400 Seiten sind die Biografie eines Mannes, der schon früh seine Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen entdeckt hat.

„In den Himmel will ich nicht!“ von Hans Scheibner, Verlag List, 400 Seiten, 18 Euro

LN

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