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Zugang nur für Bildungsbürger?

Lübeck Zugang nur für Bildungsbürger?

Theater und Konzert gelten als elitäre Veranstaltungen. Zu Recht? Und falls ja: Wie kann man das ändern?.

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Großer Andrang: Besucher strömen in den Saal im Theater Lübeck während der Theaternacht.

Quelle: Fotos: Malzahn (1), Roessler, Maxwitat

Lübeck. Die Worte waren groß bei der Einweihung der Elbphilharmonie, natürlich. Das größte aber sprach Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz eher beiläufig aus. Die Elbphilharmonie, sagte er, sei „immer als offenes Haus für alle“ gedacht gewesen.

LN-Bild

Theater und Konzert gelten als elitäre Veranstaltungen. Zu Recht? Und falls ja: Wie kann man das ändern?.

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Weltspitze

Mit rund 140 öffentlich getragenen Häusern hat Deutschland die höchste Theaterdichte der Welt. Auch bei der Orchesterdichte zählt die Bundesrepublik global zur Spitze. Jährlich besuchen etwa 35 Millionen Zuschauer mehr als 120000 Theateraufführungen und 9000 Konzerte. Der Deutsche Bühnenverein spricht von einer „beruhigenden Stabilität“.

Ein Haus für alle. Das muss man erst mal einlösen. Zumal man diesen Anspruch in Hamburg nicht exklusiv erhebt. Er ist vielmehr die Geschäftsidee, die alle Theater, Opern- und Konzerthäuser umtreiben dürfte. Die Wirklichkeit aber sieht oft anders aus.

„Der Besuch von Konzerten, auch solchen mit populärer Musik, ist in hohem Maße eine Sache des oberen Bildungssegments unserer Gesellschaft“, hielt der Musiksoziologe Hans Neuhoff 2008 fest. Wie es aussieht, hat sich daran nicht viel geändert. „Kulturelle Teilhabe ist in Deutschland nach wie vor keine Realität aller gesellschaftlichen Teilgruppen“, schreibt der Kölner Kulturmanagement-Professor Tibor Kliment mit Blick auf eine aktuelle Studie. Ins Theater oder Konzert gingen vor allem ältere Menschen mit hoher formaler Bildung. Die Bühnen seien „nach wie vor fest in der Hand des klassischen Bildungsbürgers“.

Auch in Lübeck? Zumindest wäre ein solches Theater nicht das des Lübecker Schauspieldirektors Pit Holzwarth. „Ich will kein Theater für eine elitäre Schicht machen“, sagt er. „Das interessiert mich nicht. Dafür wären dann die Subventionen auch nicht gerechtfertigt. Man muss viele Leute abholen. Je heterogener ein Publikum, desto besser fürs Theater. Und ich glaube, wir auf der Bühne sind nicht klüger als unser Publikum, aber wir können ungewöhnliche Perspektiven auf brennende Fragen kreieren.“

Ein Theater in einer Stadt wie Lübeck müsse ein kulturelles Zentrum sein, wo Diskussion und Auseinandersetzung stattfinde. Zumal in Zeiten wie diesen, wo die Digitalisierung die Städte und das Leben auf den Kopf stelle. Das Theater habe einen Bildungsauftrag, solle aber auch Kraft geben. Man müsse nach dem Arbeitstag ins Theater gehen können, ohne vorher noch ein paar Texte gelesen zu haben.

„Kultur soll Teil eines Lebensstils sein“, sagt Holzwarth, der vor seiner Lübecker Zeit in Bremen mit der Shakespeare Company „Volkstheater“ gemacht hat. Man müsse die Schwellen niedrig halten und über das Programm möglichst breite Schichten zu erreichen versuchen. Und wenn er sich die Resonanz ansehe, sei er derzeit „ganz stolz auf die Spielzeit“.

Natürlich sei „fundierte Theaterpädagogik“ wie in Lübeck wichtig. Er frage jeden Schauspieler vor der Einstellung, ob er auch bereit sei, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Aber man dürfe nicht die Mittelalten und Älteren, also das „Stammpublikum“, aus den Augen verlieren. „Die Jugend ist ja sehr konservativ. Sie will im Theater viel konventionellere Inszenierungen sehen als die Älteren, die oft neugieriger sind und Lust haben an der Auseinandersetzung.“

„Ein Haus für alle zu sein ist für uns natürlich ein erklärtes Ziel“, sagt auch Rico Gubler, Präsident der Lübecker Musikhochschule, die 359 Veranstaltungen in der Saison 2015/16 bot. Es gehe um gesellschaftliche Teilhabe. Und da reiche es nicht aus zu sagen, wir stellen ein Kulturangebot bereit und machen das möglichst barrierefrei. Man brauche auch entsprechende Konzepte. Dass viele Konzerte gratis seien, spiele da eine Rolle. Man gehe aber auch in Schulen und Musikschulen. Beim letzten BrahmsFestival etwa hätten Studenten mit einer Klasse ein Haydn-Projekt erarbeitet, das werde man 2017 wiederholen. Kinder sollten Zugang zur Musik finden und beginnen, etwas über die kulturelle Aussage zu lernen. „Es hat tatsächlich auch mit anfassen und machen zu tun. Das ist ein ganz wichtiges Element.“

Gubler sagt, dass man für schwierige Stücke auch Menschen begeistern kann, die bisher wenig oder gar nichts mit Musik zu tun hatten. „Es hängt halt ganz stark von der Vermittlung ab.“ Überhaupt habe sich beim Publikum über die Jahre einiges verschoben: „Alle Orchester haben Jugend- und Vermittlungsprogramme, alle Theater gehen in die Schulen, haben Mitmachprogramme und arbeiten an diesen Themen – das war vor 50 Jahren definitiv nicht so.“

Peter Grisebach, Generalintendant des Landestheaters Schleswig-Holstein, ist vorsichtig beim „Haus für alle“. Das sei ein schöner Werbeslogan, aber „unmöglich zu erfüllen“. Allerdings sei er „ein wichtiger Ansporn, immer wieder das Unmögliche zu versuchen, um das Mögliche zu erreichen“. Das Besondere müsse nicht zwingend elitär sein, sagt er. „Die inhaltliche und finanzielle Barrierefreiheit ist allerdings Voraussetzung dafür, einem erstklassigen kulturellen Angebot den Nimbus des ,Luxuriösen‘ zu nehmen.“ Wer mehr wisse, habe auch größeren Genuss. Grisebach plädiert daher für Konzerteinführungen und die Möglichkeit, bei den Proben dabei zu sein. Und die Arbeit mit Kindern? „Sie ist der Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit unseres kulturellen Erbes“, sagt er.

 Peter Intelmann

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