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Zuhause bei Johnny B. Goode

Hannover Zuhause bei Johnny B. Goode

Ein Album für Fans, Frau und Familie: Auf dem postum erscheinenden „Chuck“ macht Chuck Berry noch einmal rockende und rollende Chuck-Berry- Musik.

Hannover. Auf dem Cover ist er wieder jung. Chuck Berry, der Duckwalker, ist da in einer der klassischen Posen des Rock’n’Roll zu sehen: beide Beine im Beinahespagat durchgestreckt, die Gitarre dazwischen, das aufragende phallische Instrument, das einen mitreißenden Sound auswirft. Die Augen des Musikers sind geschlossen, die Lippen aufeinandergepresst – einer, der betört ist von seiner Musik.

Und da sind die berühmten großen Berry-Hände, die den Gitarrenhals umschließen, Finger, von denen man sagte, sie gingen einmal ganz rum und könnten dann immer noch Barrés greifen. Das Cover kündigt dem Fan an: Hier kommt kein lendenlahmes Abschiedswerk, das man sich aus Komplettierungsgründen ins Regal stellt und nie wieder auflegt. Das Cover verspricht, dass hier gerockt und gerollt wird.

Was eingelöst wird: Berry, der vorigen Herbst im Alter von 90 Jahren gestorben ist, spielt auf „Chuck“, seinem ersten Studioalbum seit fast 40 Jahren, vornehmlich die Musik, mit der er zur Ikone wurde: Rock’n’Roll und Blues. Er erfindet nichts neu, er variiert meist seine elektrisierenden Riffs, die praktisch alle Popbands beeinflusst haben. Nichts findet sich hier, was alte Hits wie „Sweet little 16“, „Schooldays“, „Roll over Beethoven“ oder „Rock'n'Roll Music“ übertreffen könnte. Aber das meiste zaubert doch ein Grinsen auf Hörers Gesicht. Man freut sich an Berrys Spielfreude und der seiner Spießgesellen, unter denen sich neben seiner Tourband und der Familie auch der Songwriter Nathaniel Rateliff findet, der „backing vocals“ singt, dazu Tom Morello, Gitarrist von Rage Against The Machine, der beim Song „Big Boys“mitwirkt.

„Big Boys“ ist eine von gleich zwei Reminiszenzen an Berrys berühmteste Nummer: „Johnny B. Goode“. Der Riff ist modifiziert, das Tempo wird gehalten, ab geht die Post. Zum Song gibt es auch Berrys erstes Video, denn 1979, als sein bislang letztes Album, das erfolglose „Rockit“ erschien, lag das Medium noch in den Anfängen – es war das Jahr, in dem die britischen Buggles prophezeiten, dass Video den Radiostar killen würde.

Im Clip, der angeblich noch zu Berrys Lebzeiten entstand, erobert ein kleiner schwarzer Junge einen Fünfzigerjahre-Tanzschuppen, in dem Berry (ein Imitator, meist im Gegenlicht, macht seine Sache nicht schlecht) und seine Band richtig aufdrehen. Es ist ein gemischtrassiges Tanzvölkchen, weiße und schwarze Petticoatmädels werden durch die Luft gewirbelt oder schürzen die Kleidchen zum Duckwalk. Ein Hinweis darauf, dass Berry 1955/56 den Sprung über den breiten amerikanischen Rassismusgraben zum weißen Publikum geschafft hatte. Der kindliche Rock’n’Roller im Video steht für die nachfolgenden Generationen, die sich bis heute vom lässigen Berry-Drive inspirieren lassen.

„Lady B. Goode“ hat Berry wohl für seine Frau Themetta geschrieben, mit der er seit 1948 verheiratet war. Es ist die dritte Weitererzählung der Geschichte vom Meistergitarristen vom Lande. Nach „Johnny B. Goode“, kam „Bye-Bye, Johnny“, in dem berichtet wird, wie Goode berühmt wurde und sein Zuhause verlässt. „Lady B. Goode“ nun blickt aufs Leben einer Musikerfrau, die den Haushalt alleine wuppen muss und die Kinder aufzieht, während der Gatte berühmt und immer weg ist. Familie aus der Ferne.

Hier ist sie nah: Drei Berrys sind auf „Chuck“ zu hören. Außer Sohn Charles Berry Jr. spielt auch Enkel Charles Berry III Gitarre. Ingrid Berry singt bei der Vater-Tochter-Ballade „Darlin“. Immer mal wieder, zuletzt ausgiebig im Jahr 2015, arbeitete Chuck Berry in diversen Studios seiner Heimatstadt St. Louis an dem Material, dem bluesigen Bartresen-Rezitativ „The Dutchman“ oder dem traumartigen „Jamaica Moon“. In der letzten Phase übernahm dann Charles Jr. die Leitung. Die Plattenfirma Dualtone kam ins Spiel, bestand auf Gästen, vermutlich, um die Verkäuflichkeit zu erhöhen. Die meisten aber lehnte Chuck Berry ab. Simple Begründung: „Das bin nicht ich.“

Hält man „Chuck“, das letzte Album von „Mister Rock’n’Roll“, gegen „Moody Blue“, das letzte Album des 1977 verstorbenen „King“ Elvis, wirkt das wie Leder gegen Plüsch, Heckflossen-Cadillac gegen Chevrolet Spark, Rock gegen Schlager. „Deliver me from the days of old“, hat Chuck Berry 1958 in „Schooldays“ gesungen. Die alten Zeiten, die Elvis am Ende voll erwischten, hat er sich bis zum Ende vom Leib halten können. Für „Chuck“ gilt der alte Refrain: „Hail, Hail, Rock’n’Roll!“

Chuck Berrys Album „Chuck“ ist beim Label Dualtone Records erschienen.

Matthias Halbig

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