Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Zum Übersetzen aus Kasachstan in die Stille Ostholsteins

Zum Übersetzen aus Kasachstan in die Stille Ostholsteins

Schyryngul Suchai aus Almaty war sechs Wochen Stipendiatin auf Gut Siggen. „Es ist ein großes Glück“, sagt sie.

Voriger Artikel
„Theater versöhnt uns mit dem Leben“
Nächster Artikel
Ein Feind des rechten Winkels

Schyryngul Suchai in der Bibliothek des Herrenhauses, das zum Gut Siggen gehört. Heute reist sie zurück nach Kasachstan, dann ist ihr sechswöchiger Aufenthalt an der Ostsee vorüber.

Quelle: Peter Intelmann

Siggen. Manchmal lernt man Deutsch, weil man ein guter Mensch ist. Bei Schyryngul Suchai jedenfalls war das so. Eine Freundin von ihr wollte Englisch studieren, und sie eigentlich auch. Aber es gab nur wenige Plätze, deshalb zog sie zurück. Sie wählte statt dessen die Sprache Goethes und Thomas Manns, und heute ist sie darin zu Hause, als hätte sie kaum etwas anderes gemacht.

Es war Anfang der Neunziger, als sie sich für Deutsch entschied. Es war die Zeit, als die Sowjetunion zerfiel und die Welt auch sonst fast jeden Tag eine andere war. Sie lebte damals zu Hause in der Mongolei. Aber als sich die Chance bot, in Kasachstan zu studieren, bewarb sie sich. Sie wurde als eine von wenigen genommen und machte sich auf die Reise. Sie war ein paar Tage unterwegs, passierte Ulan Bator, Irkutsk und Nowosibirsk und fand sich irgendwann im Westen Kasachstans wieder, 17 Jahre alt, nur eine Freundin bei sich und sehr, sehr weit weg von zu Hause.

Momentan ist sie auch sehr weit weg von zu Hause, auf dem Gut Siggen, oben in Ostholstein. Die Alfred- Toepfer-Stiftung unterhält dort ein Seminarzentrum, verborgen zwischen Wiesen, Wald und Feldern.

Die Ostsee ist ein paar Minuten entfernt, es ist ruhig, es ist still. Es ist ideal, wenn man ein Buch aus dem Deutschen ins Kasachische übersetzen will. „Die andere Heimat“ heißt es, ein schmaler Band von Gert Heidenreich, der aber Grundlage war für den gleichnamigen Film von Edgar Reitz von 2013.

Sechs Wochen konnte sie sich ganz auf diese Arbeit konzentrieren, möglich gemacht durch ein Stipendium der Toepfer-Stiftung und des Goethe- Instituts. Sechs Wochen, in denen sie nicht auf die Uhr sehen musste wie zu Hause in Almaty, wo zwei Töchter und ihr Mann da sind. Wo die Arbeit beim Goethe-Institut wartet, der Haushalt, der Stress, wo überhaupt alles durchgetaktet ist und es oft zu wenig Zeit gibt und zu wenig Ruhe.

„Es ist ein großes Glück“, sagt sie, und sie ist auch gut vorangekommen in diesen Wochen. Das Buch ist übersetzt, sie überarbeitet es insgesamt viermal, im Herbst soll es erscheinen. Wie und bei wem, muss sich allerdings noch zeigen. Wie überhaupt Deutsch in Kasachstan keinen leichten Stand hat.

Zu Sowjetzeiten war das anders. An der Universität haben sie damals Heinrich Böll und Franz Kafka gelesen, Erich Maria Remarque und Wolfgang Borchert. Heute hat das Interesse am Deutschen nachgelassen. An Schyryngul Suchai allerdings liegt es nicht. Sie hat nicht nur über „Lautmalende Wörter im Deutschen und Kasachischen“ promoviert, für die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ gearbeitet, Deutsch unterrichtet und ein paar Jahre in Göttingen studiert, sie hat auch einige Bücher übersetzt. Kinder und Jugendliteratur, wissenschaftliche Werke, Erzählungen, Märchen der Gebrüder Grimm und jetzt das „Heimat“-Buch von Gert Heidenreich.

Der Autor und ehemalige Präsident des deutschen P.E.N-Clubs hat schon früher mit dem Goethe-Institut in Kasachstan zusammengearbeitet. Jetzt kommt er im Herbst für ein neues Projekt, und den Film „Die andere Heimat“ wollen sie auch zeigen. Heidenreich hat dafür mit Edgar Reitz das mehrfach ausgezeichnete Drehbuch geschrieben, und weil darin viel Hunsrücker Dialekt gesprochen wird, macht das die Übertragung ins Kasachische nicht eben leichter. Aber Schyryngul Suchai hat inzwischen ein Wörterbuch zum „Honsregger Platt“ geschenkt bekommen, und dann ging’s.

Das Goethe-Institut in Almaty ist auch für Kirgisistan und Turkmenistan zuständig. Es macht Ausstellungen und Konzerte, es hat eine deutsche Bibliothek, es bietet Sprachkurse an. Die sind auch recht gut besucht, sagt Schyryngul Suchai. Vor allem von jungen Leuten, die in Deutschland studieren wollen. Die Bundesrepublik werde in Kasachstan „sehr positiv“ gesehen. Sie gelte als ein reiches Land, sehr entwickelt, hoch technisiert und mit einer fortschrittlichen Industrie.

Sie selbst arbeitet am Goethe-Institut in der Programmabteilung, die Übersetzungen macht sie nebenher. Aber es gefällt ihr sehr, es ist eine große Freude. Und Material gibt es genug, auch aus hiesigen Schreibstuben. „Günter Grass ins Kasachische übersetzen, das wäre vielleicht die Spitze meines Traums“, sagt sie. „Irgendwann mal, später.“

Politik und Literatur

Kasachstan ist etwa sieben Mal so groß wie Deutschland, hat aber nur knapp 18 Millionen Einwohner. An der Staatsspitze steht Präsident Nursultan Nasarbajew, der die frühere Sowjetrepublik seit 1990 mit harter Hand regiert. Die letzte Wahl im vorigen Jahr gewann er mit fast 98 Prozent der Stimmen. Von einer echten Opposition, so das Auswärtige Amt, kann in Kasachstan nicht gesprochen werden.

Siggener Residenzen heißt ein Programm der Alfred-Toepfer-Stiftung und des Goethe-Instituts, bei dem sich Übersetzer für vier bis acht Wochen auf dem Gut einquartieren und in Ruhe arbeiten können. Nach Schyryngul Suchai wird Ilknur Igan kommen, eine Türkin, die unter anderem Kafka und Böll übersetzt hat. Jetzt wird sie sich „Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck widmen.

Peter Intelmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden