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Kultur im Norden Zusammenprall im Puppenheim
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20:10 01.12.2014
Torvald Helmer (Jan Byl) stößt auf Frau Linde (Charlotte Puder), Nora (Agnes Mann) und Doktor Rank (Thomas Schreyer, v l.). Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Wieder eine Inszenierung, bei der das Bühnenbild eine Hauptrolle spielt? Wenn ein grelles Licht in das Heim der Familie Helmer fällt, dann sieht man eine zweigeschossige Setzkasten-Wohnung ganz nah an den ersten Zuschauerreihen. Regisseur Gustav Rueb und sein Bühnenbildner Peter Lehmann nehmen den Titel von Henrik Ibsens Stück von 1879 ernst: „Nora oder ein Puppenheim“ — in diesem Heim bewegen sich die Personen wie Marionetten; und sie lassen keinen Zweifel aufkommen: Da ist nichts heimelig.

Es stellt sich schnell heraus: Das Bühnenbild hat kein Eigenleben, vielmehr spielen die Darsteller mit den Räumen, mit den schmalen Schlitzen, durch die sie eintreten und durch die sie wieder verschwinden, mit der Enge, mit der Ferne, wenn sie sich in verschiedenen Kammern einnisten. Die Bewohner versuchen, so etwas wie Zuneigung auszudünsten. „Ist das mein Eichhörnchen, das da so raschelt?“, begrüßt Torvald Helmer (Jan Byl) seine Frau Nora (Agnes Mann). Der angehende Bankdirektor steckt in seinem Arbeitszimmer fest, Kneifer und Ärmelschoner machen ihn als Büromenschen kenntlich, er hält einen kleinen Computerbildschirm im Arm als Insignie seines Status.

Regisseur Rueb tischt in den Kammerspielen des Theaters Lübeck eine Groteske auf, in der Hausfreund Doktor Rank (Thomas Schreyer), der einzige, mit dem sich Nora austauschen kann, mit heruntergelassenen Hosen auftritt (so viel Albernheit darf sein); in der ein stummes Kindermädchen mit schwarz umrandeten Augen wie ein Gespenst den Helmers auflauert; in die sich Advokat Krogstadt (Henning Sembritzki), der Nora mit deren gefälschter Unterschrift auf einem Wechsel erpresst, als depressiv-irrer Unheilsbote einschleicht; in die Noras Jugendfreundin Kristine Linde (Charlotte Puder) vulgär-lautstark hereinplatzt. Die Herren sind steif und verklemmt, die Damen neigen zu Hysterie.

Wenn diese Menschen im Puppenheim aufeinandertreffen, dann geschieht dies als körperlicher und verbaler Zusammenprall. Nora muss Krogstadt einen Kredit zurückbezahlen, von dem ihr Mann nichts wissen darf, Frau Linde ist auf den Job in Torvalds Bank aus, den Krogstadt gerade verliert (deshalb sein Erpressungsversuch) — die Jagd nach Verbesserung ihres Lebensstandards, also nach Geld, hält sie alle zusammen. Bis auf den todgeweihten Doktor Rank, der unglücklich in Nora verliebt ist und ohne materielle Interessen den Helmers auf den Pelz rückt.

Das Ensemble stellt diese absonderliche Gesellschaft, in der nur Nora Sympathie verdient, mit heiligem Ernst dar, was die Charaktere besonders lächerlich erscheinen lässt. Regisseur Rueb macht die Träume und Alpträume dieser Menschen sichtbar — erst durch Projektion von idyllischen Sequenzen, dann mit der Wiederholung von Schlüsselszenen in düsterem Licht.

Die Frauen erkämpfen sich ihre Freiheit gegen das bedrängende Wohlwollen der Männer, daran hat sich seit Ibsens Zeit offenbar nichts grundlegend verändert. Als Nora erkennt, dass sie für Torvald nicht mehr ist als Statussymbol und Trophäe, verabschiedet sie sich unsentimental von Mann und Kindern. Torvald dreht durch. Oder träumt sie das nur? Die Inszenierung entlässt die Zuschauer nicht mit einem eindeutigen Befund.

Gäste auf der Bühne
Mit Agnes Mann, Charlotte Puder (Kristine Linde) und Serafine Garbe/Martje Drissen (Kindermädchen) treten ausschließlich Gastschauspielerinnen in „Nora“ auf. Alle männlichen Darsteller sind Mitglieder des Lübecker Ensembles.
Weitere Vorstellungen: Sa. 6. und Fr., 19. Dezember, jeweils 20 Uhr, Kammerspiele des Theaters Lübeck.

Michael Berger

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