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Zwei Stelen, die mit der Zeit gehen

Schleswig Zwei Stelen, die mit der Zeit gehen

Hamburger Geschenk für den Barockgarten von Schloss Gottorf: Ein Auftragswerk des Lübecker Bildhauers Winni Schaak.

Schleswig. . Ein hellblauer Himmel spannt sich über dem Gottorfer Barockgarten, und einer freut sich besonders über das Wetter: der Lübecker Bildhauer Winni Schaak, der zwei Stelen aus Cortenstahl als Auftragswerk und als Geschenk von Förderern für die Anlage geschaffen hat. Ein wolkenverhangener Himmel ist ja eigentlich kein Hinderungsgrund für eine kleine Feierstunde, aber bei der Präsentation der Skulptur wäre das Seh- und Aha-Erlebnis gemindert worden. Denn die beiden Stelen, die nun auf den Parterres des Gartens in Sichtweite des Globushauses stehen, sind besondere Sonnenuhren – eine für den Vormittag auf der Westseite, die andere nach Osten ausgerichtet für den Nachmittag.

Gut aufgelegt gibt Winni Schaak Auskunft über die Vorgeschichte, die Jahre zurückliegt und die auch Heinz Spielmann gestern zurück nach Gottorf brachte. Der ehemalige Direktor des Landesmuseums ist langjähriger Vorsitzender der Hamburger Gesellschaft für Metallskulpturen-Unikate und trat in dieser Eigenschaft an den Bildhauer heran. Die Anfrage, ob er eine Sonnenuhr für den wiedererstandenen Barockgarten schaffen könne, habe ihn zunächst in leichte Gewissensnöte gebracht, sagt Schaak mit sympathischer Offenheit.

Als gelernter Schmied, der nach seinem Meisterabschluss ein Bildhauerstudium anschloss, habe er eine gesunde Abneigung gegen schmiedeeiserne Sonnenuhren auf grünem Rasen. Nun sind aber die Hamburger Metallskulpturen- Freunde unverdächtig, sich in kunstgewerbliche Gefilde zu begeben, und Schaaks Ethos als moderner Bildhauer hätte ohnehin dagegen gestanden. Kurz, sein Ehrgeiz war geweckt und der Bildhauer mitten in der Recherche. Sein Ziel sei es gewesen, eine Lösung zu entwickeln, die den Proportionen des Gartens angemessen ist und in der auch seine aktuelle Formensprache zum Ausdruck kommt.

Was Ulrich Schneider als Kurator des Barockgartens an Schaaks Sonnenstelen so gefällt, ist das Prinzip der Umkehrung: Statt durch einen Schatten wird durch einen Lichtstrahl die Zeit angezeigt. Durch den schmalen vertikalen Einschnitt fällt das Licht auf die Bodenplatte aus dunklem Granit. Schaak verzichtete bewusst auf ein mit Tagesstunden skaliertes Zifferblatt. Sechs Quadratflächen und fünf Linien ermöglichen Orientierung für all jene, denen es eben nicht auf die Minute ankommt. Eine gewisse Nonchalance darf man bei Flaneuren im Barockgarten getrost voraussetzen.

So lässt sich das Stelenpaar auch als Denkanstoß unserer Zeitmessung lesen. Und Schleswig, ungefähr 700 Kilometer östlich von Greenwich gelegen, hat die Nase vorn: Wenn bei London die Sonne im Zenit steht, sind im Garten schon 37 Minuten vergangen. Winni Schaak: „Um genau zu sein, steht sie in Gottorf um 12.23 Uhr im Zenit und fällt dann auf ein kleines Extra-Quadrat auf der Platte.“

Sonderführungen zum zehnjährigen Jubiläum des Barockgartens:

So, 25. Juni, 11 Uhr, „Dichtung und Wahrheit“ – zur Diskrepanz zwischen historischem Vorbild, Planungsideal und Rekonstruktionsansätzen“.

So, 16. Juli, 11 Uhr: „Zwischen Kultur und Natur“. Treffpunkt am Globushaus.

Internet: www.schloss-gottorf.de

Maren Kruse

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