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Kultur im Norden Zwei Thriller zum An- und Abgewöhnen
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20:31 24.10.2013
Jussi Adler Olsen

Lübeck — Auf der letzten Buchmesse standen Autoren wie Boris Becker und Daniela Katzenberger im Zentrum des Interesses. Warum auch immer: Es besteht offenbar Bedarf an gedrucktem groben Unfug. Und manche Spielart des groben Unfugs schafft es sogar in unschöner Regelmäßigkeit an die Spitze der Bestsellerlisten. Dazu gehören die Bücher von Jussi Adler-Olsen, dem dänischen Thriller-Autor, der ein seltsames Sonderdezernat mit Namen Q in Kopenhagen eingerichtet hat, das von mehr als nur seltsamen Kriminalisten bevölkert wird, die immer absurdere Fälle aufklären müssen. Was reizvoll war in den ersten Bänden, aber mittlerweile auf einem Minimalfaktor herabgesunken ist, was Spannung und Glaubwürdigkeit angeht.

In „Erwartung“, dem fünften Fall von Carl Mørck und seinen schrägen Spießgesellen, geht es derart durcheinander, dass auch ein gestandener Krimi-Leser Probleme damit hat zu erfassen, was auf diesen 567 Seiten überhaupt passiert. Wenn ihn nicht vorher der Schlaf übermannt. Da machen sich korrupte Banker mit Politikern gemein, um Entwicklungshilfe-Gelder in die eigene Tasche umzuleiten.

Kopenhagen wird von Familien-Gangs unsicher gemacht, die aus Betteln, Taschendiebstahl und anderer Kleinkriminalität ein ertragreiches Gewerbe gemacht haben. Und dann taucht in der dänischen Hauptstadt auch noch eine Bande von afrikanischen Kindersoldaten auf, die sich in Kopenhagen so benimmt wie im heimischen Urwald. Dazwischen versuchen Carl Mørck, sein zwielichtiger Assistent Assad, die psychisch angeschlagene Rose und Gordon, der neue Freak im Sonderdezernat Q, die Fäden zu entwirren. In quälender Langsamkeit, uninspiriert und ungeschickt geschrieben: Ein Thriller zum Abgewöhnen.

Ganz anders Andreas Eschbach. Sei neues Buch heißt „Todesengel“, was reißerisch klingt, aber dieser Titel macht tatsächlich Sinn. Denn mit diesem Namen belegt die Sensationspresse eine geheimnisvolle Gestalt, die in einer anonymen Großstadt Jagd auf jugendliche Gewalttäter macht. Der Todesengel ist nicht nur Jäger, er macht sich auch zum Richter und Henker, indem er die Schläger erschießt, mit zwei robusten Makarov-Pistolen Kaliber 9 Millimeter. Das kommt gut an bei der Bevölkerung, die sich endlich beschützt fühlt, und ein abgehalfterter Journalist, der eigentliche Held dieses Buches, schlägt sein persönliches Kapital aus der Affäre. Der tötende Todesengel, wird zum Helden, der Journalist erhält eine eigene TV-Sendung namens „Anwalt der Opfer“ — bis der in einem seltsam leuchtenden Outfit auftretende Schütze einmal daneben trifft und ein Kind in den Tod schickt. Was am Ende nach Aufdeckung aller Einzelheiten bleibt, ist immerhin ein kleiner Hoffnungsschimmer in diesem sonst sehr düsteren Buch.

Andreas Eschbach kann schreiben, er hat nicht umsonst einst das Arno-Schmidt-Stipendium erhalten. Nachgewiesen hat Eschbach seine Fähigkeiten unter anderem in den Romanen „Das Jesus-Video“ und „Eine Billion Dollar“, Geschichten, die am Rande des Wahrscheinlichen angesiedelt sind und Spannung von der ersten bis zur letzten Seite bieten. Das gilt auch für „Todesengel“: Ein Thriller zum Angewöhnen.

„Erwartung“ von Jussi Adler Olsen, DTV, 567 S., 19,90 Euro.

„Todesengel“ von Andreas Eschbach, Lübbe, 541 S., 19,99 Euro.

Dauergäste auf den Bestseller-Listen
Andreas Eschbach, geboren 1959 in Ulm, studierte zunächst Luft- und Raumfahrttechnik, schloss dieses Studium jedoch nicht ab, sondern arbeitete als Softwareentwickler, bis er Erfolg als Schriftsteller hatte. Andreas Eschbach wurde für seine Werke mehrfach ausgezeichnet und ist einer der bedeutendsten europäischen Science-Fiction-Autoren.

Jussi Adler-Olsen, geboren 1950 in Kopenhagen, studierte Medizin, Soziologie und Filmwissenschaft und war in verschiedenen Berufen tätig. 1997 erschien sein erster Thriller „Alfabethuset“, der 2012 in Deutschland als „Das Alphabet-Haus“ erschien. Den Durchbruch in seinem Heimatland Dänemark erzielte er 2007 mit dem Roman „Kvinden i buret“ (deutsch: „Erbarmen“).

Jürgen Feldhoff

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