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Kultur im Norden Zwei nette Onkels verachten die jungen Alten
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22:24 11.01.2016
Rote Anzüge, anzügliche Witze: Welke (49, l.) und Wischmeyer (58).

Die knallroten Anzüge, in denen Oliver Welke und Dietmar Wischmeyer zum Halb-Playback mit weißen Gitarren auf die Bühne des Schmidt Tivoli an der Hamburger Reeperbahn kommen, lassen Böses erahnen. „Habt ihr jetzt Angst? Ich hätte!", frotzelt der Anchorman der „Heute-Show“. Doch die Parodie des Volksschlagerduos Amigos ist nur der satirische Aufhänger, den die Komödianten für ihre bitterböse Lesung „Im Herzen jung“ (so lautet der Titel eines Amigos-Albums) verwenden.

Mit zwei Millionen verkauften Tonträgern sind die Amigos, das Brüderpaar Bernd und Karlheinz Ulrich, für Welke und Wischmeyer ein Paradebeispiel für die Auswüchse einer überalterten Gesellschaft.

„Sehen aus wie zwei an der A2 ausgesetzte Straßenköter, ein Triumph der Uncoolness, ein Fanal der Ranzigkeit!“ Für den studierten Literaturwissenschaftler

Wischmeyer, der dem Gros der im Wechsel vorgetragenen Texte den Stempel aufgedrückt hat, ist die Sache klar. Nichts ist peinlicher als alternde Menschen, die auf jung machen. „Statt im fahlen Licht von Sat.1 Gold vor sich hinzudämmern, hetzen die Klappergerüste ins Fitnessstudio und stülpen sich teakholzartige Ötzistelzen über.“

Mit viel Sarkasmus kotzt

Wischmeyer, Erfinder der ffn-„Frühstyxradio“-Figuren „Günther der Treckerfahrer“ und „Frieda und Anneliese“, seine sorgfältig konstruierten Wortungetüme aus. Da ist die Rede vom klassischen ZDF-Zuschauer, der als Freigänger der „Körperwelten“-Ausstellung schon bald „sehr tot“ sei, von „fressenden Kakomaten“ mit zu viel Freizeit, die an der Supermarktkasse mit Sätzen wie „Ich hab‘s klein“ die Menschen zur Weißglut bringen: „Der Mümmelsack wühlt in seiner Geldkatze nach verspakten Reichspfennigen und erfährt von der Kassiererin zu seinem Schrecken, dass Hitler schon tot ist.“

Vollends skurril werde es, wenn lüsterne Senioren durch „50 Shades of Grey“ den gepflegten SM für sich entdecken. Die Kindheitserlebnisse der beiden Vortragenden waren von noch rustikalerer Natur.

„Dieses Gefühl, wenn man die erste Hundekacke im Sandkasten ausgräbt oder die erste Spritze findet — hat‘s uns geschadet?“, witzelt Welke.

Aus dem Mund des netten Onkeltypen Welke klingen die altenverachtenden Sätze ein wenig zu harsch. „Das sind deine Texte, man merkt, du liebst Menschen!“, frotzelt der 49-Jährige seinen neun Jahre älteren Kollegen an.

Angereichert wird der Wegweiser durch das „Land der Irren und Bekloppten“ mit eingeblendete Interviews der „Heute-Show“, den Clip einer tanzenden Claudia Roth („Solche Bilder dürfen nie mehr von deutschem Boden ausgehen.“) und einem Ausflug Wischmeyers in seine Figur „Willi Deutschmann“. Da amüsieren sich in drei ausverkauften Vorstellungen auch diejenigen, denen das Lachen eigentlich im Hals steckenbleiben müsste. Gemeint sind schließlich immer die anderen.

„Im Herzen jung“, Do. und Fr., 14. und 15. Januar, Theater am Aegi, Hannover

Alexander Bösch

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