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Zwischen Bullerbü und Babylon

Lübeck Zwischen Bullerbü und Babylon

Keine Angst vor beigen Übergangsparkas: Max Goldt las in den Lübecker Kammerspielen.

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Der Meister des Konjunktivs: Max Goldt bei seiner Lesung in den Kammerspielen. FOTO: LUTZ ROESSLER

Lübeck. Ein Mann sitzt da auf karger Bühne. Ein Tisch, ein Stuhl, Mikrofon und Mineralwasser. Er trägt ein rotes Hemd und ein dunkles Jacket, schlägt ziemlich genau Punkt acht seine Papiere auf und beginnt vorzutragen. Wie ein Nachrichtensprecher macht er das, wie ein Werner Veigel, falls Werner Veigel noch jemandem etwas sagt.

Aber Werner Veigel hätte nie von Ländern berichtet, in denen Söhne an ihrem 18. Geburtstag der Mutter eine Toilette schenken. Und zwar, weil ein Gesetz sie dazu anhält. Herr Veigel hätte auch nichts von einer Sozialkompetenz erzählt, die man vom Mond aus sehen kann, nichts von schwer erziehbaren schwulen Schwagern aus der Schweiz. Bei Max Goldt aber sind solche Nachrichten die nackte Wahrheit, jedenfalls wenn es einigermaßen normal läuft. Wenn es nicht normal läuft, kommt noch der katarische Sportattaché dazu und die grundsätzliche Erörterung der Frage, ob Enten beim Schnattern ein Echo erzeugen oder nicht.

Max Goldt, Jahrgang 1958, schreibt seit Jahrzehnten solche Berichte aus dem Land zwischen Bullerbü und Babylon. Er tut das in einer Sprache, die den Satzbau Thomas Manns hinüberrettet in das 21.

Jahrhundert und eine gewisse Ärmelschonerhaftigkeit nicht verbergen mag. Er kennt sich aus im Konjunktiv, er wünschte, man büke ihm einen Klöben. Und er verschließt auch nicht die Augen vor blasslila oder beigen pflegeleichten Übergangsparkas, in denen man am Masernmontag durch außerordentlich unquirlige Straßen geht und vor „Kik“ oder „Pimkie“ stehen bleibt, bevor man irgendwas mit Pfifferlingen isst, Frauen mit Messern die Kohlensäure aus dem Selterswasser rühren und die Kellnerin beim Kinderteller die Pommes nicht durch Püree ersetzen kann, weil sie nicht weiß, wie sie das bongen soll. Max Goldt verschließt sowieso vor kaum etwas die Augen, manchmal senkt er nur gnädig den Blick, wenn es gar nicht mehr anders geht. Etwa im leeren Lokal, in dem sich ein lockerer Typ zu einem Paar an den Tisch setzt, einen rosa Cocktail mit Knickstrohhalm bestellt und zu der Dame sagt: „Ihr Mann ist doch einen Zacken zu hübsch für eine Frau wie Sie.“ Aber was will man machen, wenn es sich um eine „antiheteronormative Gaststätte“ handelt und das draußen auch genau so dransteht?

Max Goldt war schon häufiger in Lübeck, zuletzt vor anderthalb Jahren. Am Sonnabend waren die Kammerspiele nur zu etwa drei Vierteln besetzt, der Künstler aber ließ sich nicht irritieren und las sonor und mit buddhahafter Ruhe von den Dingen, die ein Wort wie postfaktisch in ganz neuem Licht erscheinen lassen. Er kommt von einem zum anderen, von Pontius zu Pilates, vom Wahn zum Sinn. Und dann passiert es, dass sich um das Jahr 900 herum zwei Frauen gegenseitig einmauern und später die Journalistin, Autorin, Barbesitzerin und Fußschmuckdesignerin Heidi daraus einen 800 Seiten starken Wälzer macht, zu der Henner Larsfeld mit seinen zwei CDs, also mit „Mönchschören“ und „Extrem verhallte Wummer-Sounds“, die Filmmusik schreiben soll. Aber der will ja lieber mit Heidis Halbschwester, der Sportwagenrestauratorin und Steingartenexpertin Eileen, zum Saufen ans Meer fahren.

Peter Intelmann

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