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Zwischen Dideldum und Sonnenaufgang

Lübeck Zwischen Dideldum und Sonnenaufgang

Dirigent Wolfram Christ als dynamische und hochmusikalische Attraktion beim 6. Sinfoniekonzert der Lübecker Philharmoniker.

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Ohne Schlips, aber hoch seriös: Dirigent Wolfram Christ.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Dem Dirigenten galt besonderes Augenmerk beim 6. Sinfoniekonzert der Lübecker Philharmoniker in der Musik- und Kongresshalle. Nicht nur, weil Wolfram Christ ein veritabler Grammy-Gewinner ist (allerdings als Bratschist), sondern vor allem, weil da ein bedeutender Künstler ganz unprätentiös sein Programm darbot.

In der Pause kam es zu Anstößen im Publikum: „Wäre das nicht ein glänzender Generalmusikdirektor für Lübeck?“ Der Mann, der das zu formulierten wagte, schlich sich mit fragender Miene an Theaterchef Christian Schwandt vorbei, der die Anregung aber ignorierte. Eine ältere Dame nahm den Faden auf: „Solch einen feinen Musiker findet man nicht alle Tage.“

Christ, 1955 geboren und trotz blankem Haupt und stämmigem Körper eine sehr dynamische Erscheinung, dirigierte mit offenem Hemd und strahlender Miene. Der Auftakt des Abends war allerdings eher von bescheidenem Unterhaltungswert: Die „Fantasie“ d-Moll von Sigismund Neukomm, Schüler von Michael und Joseph Haydn, kam etwas schwerfällig daher, auch wenn sich Christ am Pult um Geschmeidigkeit bemühte. Doch das Werk des in Vergessenheit geratenen Salzburgers schien eher für ein Schulorchester geeignet zu sein — viel Unisono, viel Humdada und Dideldum, wenig Überraschendes.

Die musikalische Komplexität steigerte sich mit dem Streichquintett Nr. 2 von Johannes Brahms, das der schottische Geiger Iain MacPhail zur Streichersinfonie umgeschrieben und aufgewertet hat. Da lag plötzlich Spannung in der Luft, mit der raffinierten Vervielfältigung des Klangs wurde noch die einfachste melodische Idee zum sinfonischen Ereignis. Da schwelgte das romantische Herz, die Philharmoniker ließen ihren schönsten Streichersound hören, und der Dirigent schwebte.

Mit Ludwig van Beethovens vierter Sinfonie zog Wolfram Christ noch einmal neue Saiten auf. Den Wechsel vom düsteren, tastenden b-Moll zum gelösten B-Dur im ersten Satz gestaltete er wie einen Sonnenaufgang. Im 3. (Allegretto) und 4. (Allegro assai) Satz ließ er die Zügel nicht los, er brauchte keine rasenden Tempi, um Effekte zu erzielen, musste er die Partitur nicht neu erfinden. Ein Detail sei erwähnt: Einen Sonderapplaus wurde der Fagottistin Vera Fliegauf zuteil, die mit ein paar brillanten Läufen auf sich und ihre virtuosen Stellen aufmerksam machte.

Von mib

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