Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Zwischen Party und Paranoia

Berlin Zwischen Party und Paranoia

Thomas Melle wurde mit seinem Bericht „Die Welt im Rücken“ für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Berlin. Als ihm seine Bücher abhandenkommen, hat er sich schon selbst verloren. Als ihm auffällt, dass ihm die Bücher fehlen, versuchte er sich wiederzufinden. So lässt sich der Auftakt zu Thomas Melles autobiografischem Bericht „Die Welt im Rücken“ zusammenfassen. Melle, geboren 1975 in Bonn, ist mit seinen Geschichten über ruinöse Existenzen einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren dieses Landes. Gestern wurde er wieder einmal für den Deutschen Buchpreis nominiert, eine der wichtigsten Auszeichnungen für deutschsprachige Literatur. In seinem neuen Buch schreibt er über seine bipolare Störung und gibt so auch Einblick in seinen Schaffensprozess.

In einer manischen Phase verkauft Melle also seine über Jahre angesammelte Bibliothek. Später wird er darüber schreiben: „Die leeren Wände, der Hall in der Wohnung verhöhnen mich noch heute und illustrieren, radikal gesprochen, das Scheitern eines Lebensentwurfes.“ Es ist ein starkes Bild, mit dem dieser Text beginnt: Eine Bibliothek verortet den Besitzer in der Welt, steht für verschiedene Reifephasen des Lebens und wechselnde Leidenschaften. Somit steht die Einbuße stellvertretend für einen allumfassenden Weltverlust.

Die Beschreibung der Phasen aus Höhenflug, Depression und trügerischer Normalität erinnert an Georg Büchners Novelle „Lenz“. Was Büchner verdichtet, malt Thomas Melle in rauschhaften Sequenzen aus.

Die hektische Fetzensprache spiegelt das Seelenleben des Getriebenen wider, findet aber immer wieder zu poetischen Bildern zusammen, bis der Gedanke dem Schreiber davonläuft. Erklärungszusammenhänge mutieren aus einem Gefühl heraus, so veranschaulicht der Autor das Wahngerüst des Manikers, der Welten aufbaut und sofort wieder einreißt.

Der erste manische Schub suchte den Autor 1999 heim. Zwei Jahre später erschien sein Romandebüt „Sickster“, das prompt für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Er spielt in der Clubszene einer molochartigen Stadt, die enttäuschte Idealisten wie Burn- Out-Manager gleichermaßen betäubt. Zwischen Party und Paranoia: Melles literarische Figuren sind Wiedergänger seines manisch-depressiven Ichs.

Anton, einer der zwei Protagonisten aus dem Roman „3000 Euro“, der Melle 2014 den Preis der Deutschen Akademie der Künste einbrachte und bereits einen Platz auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, taumelt ähnlich fassungslos durch die Abwärtsspirale vom Bummelstudenten zum Obdachlosen, bis er schließlich mit 3000 Euro Schulden vor der Privatinsolvenz steht. In „Die Welt im Rücken“

kommentiert der Schriftsteller nun: „Meine Bücher handeln von nichts anderem und versuchen doch, es dialektisch zu verquicken. So geht es aber nicht weiter. Die Fiktion muss pausieren (und wirkt doch hinterrücks natürlich fort).“

Noch ehe Melle im Text erwähnt, dass er zu Beginn seiner Schriftstellerkarriere Autoren wie Christian Kracht und Rainald Goetz nacheiferte, wirkt sein Buch wie ein Gegenentwurf zu deren Popliteratur. Während diese die Party am Rande des Abgrunds zelebriert, ist Melle schon abgestürzt. Er zeigt die negativen Seiten des Exzesses, sein Text wirkt so wie der psychotische Bruder der jüngsten Drogenbeichte „Panikherz“ von Benjamin von Stuckrad-Barre.

Melle potenziert das Gefühl der Popliteraten – alle Songs erzählen vom eigenen Leben – ins Monströse. Nicht nur die Musik, alle Leuchtreklamen, Internet-Blogeinträge und selbst Reden von Gerhard Schröder werden für den Maniker zu Referenzpunkten auf die eigene Biografie: „Ich begann, die eigenen Lebensdaten aus den historischen Ereignissen abzulesen, statt umgekehrt.“ Die Stadt wird zum „Mob aus Straßen und Bildern“, die Welt zur einzigen Metapher („Selbst die Rechnungen dachten und sprachen um die Ecke“). Weil er sich selbst in einer Figur von Juli Zehs Roman „Adler und Engel“ zu erkennen vermeint, streute Melle 2006 beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt den Namen „Juli“ in seine Lesung ein und wunderte sich, dass niemand die Anspielung verstand. Melle beschreibt seine Krankheit als semiotische Verschiebung („Die Zeichen sind aus ihren Verankerungen gerissen. Nichts heißt mehr, wie es heißt, und alles heißt trotzdem immer auch ,ich‘“). Die Übergänge zwischen dem Rausch des selbstüberhöhenden Künstlergenies und dem Wahn des Kranken sind fließend.

Dies ist weit mehr als ein Kranken- oder Betroffenheitsbericht. Melle hat sich damit seine eigene Geschichte zurückerobert, als Autor und als Mensch gleichermaßen.

Nina May

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden