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Zwischen Verzweiflung und Euphorie Birgit Minichmayr liest aus Wolfgang Herrndorfs Sterbetagebuch, das Ensemble Resonanz kontert mit Haydn

Lübeck Zwischen Verzweiflung und Euphorie Birgit Minichmayr liest aus Wolfgang Herrndorfs Sterbetagebuch, das Ensemble Resonanz kontert mit Haydn

Die letzten Worte, die von großen Männern überliefert werden, sind meist nicht authentisch. Dass – nur als Beispiel – Goethe auf dem Totenbett „Mehr Licht!“ gefordert haben soll, ist solch ein Mythos.

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„Arbeit und Struktur“: Dirigent Riccardo Minasi und Schauspielerin Birgit Minichmayr zelebrieren heiter Hoffnung und Sterben.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Die letzten Worte, die von großen Männern überliefert werden, sind meist nicht authentisch. Dass – nur als Beispiel – Goethe auf dem Totenbett „Mehr Licht!“

gefordert haben soll, ist solch ein Mythos. Der hessische Volksmund legt nahe, dass der Mann aus Frankfurt eigentlich sagen wollte „Mer liecht hier so unbequem.“

Die „letzten Worte“, die das SHMF im Lübecker Dom angeboten hatte, waren seriöser und verbriefter Art: Wolfgang Herrndorf (1965-2013) hat sein Sterben an einem Gehirntumor drei Jahre lang mit seinem Blog „Arbeit und Struktur“ begleitet – der Autor des Bestsellers „Tschick“ dokumentiert darin den Verlust der Autonomie und wie sein Entschluss, sich selbst das Leben zu nehmen, heranreift.

„Du wirst sterben. – Ja, aber noch nicht. – Ja, aber dann. – Interessiert mich nicht. – Aber, aber.“ Mit diesem inneren Dialog Herrndorfs beginnt die Schauspielerin Birgit Minichmayr die Lesung. Dass da eine Frau die Gedanken eines Mannes wiedergibt, spielt überhaupt keine Rolle. Minichmayr rezitiert die Texte, die zwischen Verzweiflung und Euphorie, Leichtsinn und Ironie hin und her pendeln und von einsamem Leiden und Freundschaften künden, ganz ohne Pathos. Dass da ein Ungläubiger spricht („Priester sind mit Waffengewalt von mir fernzuhalten“), dass seine Texte im Kirchenraum gelesen werden, flankiert von einem sakralen Haydn-Werk: „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ – das ergibt einen sehr scharfen Kontrast. Das Ensemble Resonanz aus Hamburg, ein Kammerorchester, das auf Alte und Neue Musik spezialisiert ist, will ihn gar nicht leugnen, es spielt Haydn fromm und getragen.

„Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem“, barmt der Schriftsteller, der erst am Anfang seines Schaffen steht, aber bereits am Ende seines Lebens. Haydns Passionsmusik aber hat Ewigkeitscharakter. Der Italiener Riccardo Minasi dirigiert mit überdeutlichen Gesten, er verordnet den Musikern in sieben langsamen Sätzen eine energische Gangart, bei der sich Streicher, Holzbläser und Naturhörner als Gruppen klar artikulieren und doch eine Einheit bilden.

Wenn am Schluss mit Pauken und Trompeten ein Erdbeben einsetzt, ist die zuvor vernommene emotionale Mittellage von Haydns Musik fast vergessen. Die Schwankung in Herrndorfs Texten aber nicht. An einer Stelle bekennt er, er habe sich einmal vorgestellt, „der nahe Tod würde möglicherweise Hass auslösen, (...) Neid auf die Überlebenden, vielleicht sogar den Wunsch, noch einmal Amok zu laufen und möglichst viele mitzunehmen“. Doch er schließt: „Aber das Gegenteil ist der Fall.“

mib

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