Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 12 ° Sprühregen

Navigation:
Zwischen Weltpolitik und Weltschmerz

Lübeck Zwischen Weltpolitik und Weltschmerz

Ein Theaterstück würdigt Willy Brandt, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre.

Voriger Artikel
Spaßklientel und Kunsttherapie
Nächster Artikel
Hercule Poirot ermittelt weiter

Der Kanzler und der Spion: Noch ahnt Willy Brandt (l., Andreas Hutzel) nicht, dass Günter Guillaume (Timo Tank) ihn ausspäht.

Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat

Lübeck. Willy Brandt — „Ein Machtmensch, der Mittel und Wege kannte, sich durchzusetzen. Ein Mensch, der ein warmes Herz besaß, das in den anderen das Bedürfnis weckte, von ihm erkannt zu werden.“ Michael Wallner, Jahrgang 1958, hat viele Quellen studiert, um Willy Brandt nahe zu kommen. Der Österreicher hat das Stück „Willy Brandt — Die ersten 100 Jahre“ geschrieben, das am Freitag im Theater Lübeck uraufgeführt wird. Schon die Unterzeile zeugt von der Ehrfurcht, die Wallner empfindet. Der Name Willy Brandt werde auch nach weiteren 100 Jahren ein Begriff in der Welt sein.

00010epo.jpg

Der Kanzler und der Spion: Noch ahnt Willy Brandt (l., Andreas Hutzel) nicht, dass Günter Guillaume (Timo Tank) ihn ausspäht.

Zur Bildergalerie

Die Geschichte Brandts ist auch die Geschichte der Karriere des Arbeiterkindes aus Lübeck. 1969 wird er zum ersten SPD-Kanzler der Nachkriegszeit gewählt. 1971 wird ihm für seine Verdienste um die Aussöhnung mit dem Osten der Friedensnobelpreis verliehen. Um Glorifizierung oder gar Heldenverehrung aber geht es Wallner nicht. Er wolle ein Gefühl für die Person und die Zeit wecken, sagt er. Und für die zwiespältige Persönlichkeit Brandts, der sich gewandt in der Weltpolitik bewegte, als Privatmensch aber gehemmt im Kontakt mit anderen Menschen gewesen sei.

Das Stück hat den Ehrgeiz, den ganzen Brandt zu zeigen. Es beginnt kurz vor Ende seiner Kanzlerschaft und endet mit dem Fall der Mauer, für den Brandt den Weg bereitet hat. Dazwischen werden Schlaglichter auf das Leben Brandts geworfen, auf seine Kindheit und Jugend im Lübecker Stadtteil St. Lorenz, seine Jahre im norwegischen Exil, seine politische Karriere, auf Verrat und den Fall des Politikers.

Rat hat sich Wallner unter anderem bei Björn Engholm geholt, ebenfalls Lübecker und einer der politischen Enkel Brandts. Von Engholm habe er erfahren, was es bedeute, ein Hanseat zu sein, ein Nordmensch, sagt Wallner — und besser verstanden, warum Brandt Weltpolitiker sein konnte und zugleich äußerst bescheiden.

Willy Brandt habe das Ur-Lübecker Prinzip von Handel und Wandel, von Ehrlichkeit und Offenheit, „Concordia Domi Foris Pax“ zur Leitidee einer neuen Politik gemacht, heißt es im Pressetext des Theaters.

Andreas Hutzel, Allrounder am Theater Lübeck, verkörpert Willy Brandt. Äußerlich sieht er ihm nicht ähnlich. Aber Brandts besondere Art zu sprechen beherrscht er perfekt. Hutzel spielt Brandt in allen Lebensphasen. Wie schafft er das? „Talent“, sagt Wallner, der selbst Regie führt.

Alle Menschen, die für Brandt wichtig waren, sei es im Guten oder im Schlechten, tauchen in dem Stück auf: seine Ehefrauen Rut Brandt und Brigitte Seebacher-Brandt, Herbert Wehner, Günter Grass, Egon Bahr, Konrad Adenauer, Leonid Breschnjew und natürlich Günter Guillaume, der Spion. Außerdem gibt es eine erfundene Figur, „Die Dunkelheit“, die für die düstere Seite steht, Brandt aber auch antreibt.

Wallner bringt die Akteure — auch Willy Brandt — zum Singen und Tanzen. Sein Stück ist ein Stück mit viel Musik. Der Theaterchor und ein kleines Orchester kommen zum Einsatz. Überwiegend wird nach Kompositionen von Willy Daum getanzt und gesungen, aber es gibt auch ein von ihm bearbeitetes norwegisches Volkslied von Edvard Grieg. Viele Stilrichtungen habe er verwendet, sagt Daum:

Vaudeville-Elemente gebe es, eine Art Tango, Jazz, avantgardistische Stücke, aber auch ein Barock-ähnliches Rezitativ und Opern-Arien. Auch die berühmte „Ich-bin-ein-Berliner“-Rede von John F.

Kennedy hat Daum vertont. Außerdem lässt der Musiker Nationalhymnen erklingen, und zwar immer dann, wenn Brandt Staatsbesuche macht.

Etwa 40 Minuten der zweieinhalb Stunden Spieldauer bestehen aus Musik. In einem Part von etwa 18 Minuten Länge wird gar nicht gesprochen, „Oper“ wird dieser Teil genannt. Hier geht es um die großen Jahre Brandts als Kanzler.

Wie hielt es Willy Brandt mit der Musik? Er habe deutsche Volkslieder geliebt und selbst Mandoline gespielt, sagt Daum. Als Sänger sei er zwar weniger in Erscheinung getreten, habe aber mit Helmut Kohl, Walter Momper und Dietrich Genscher 1989 nach dem Fall der Mauer am Brandenburger Tor die dritte Strophe des Deutschlandlieds gesungen, „furchtbar falsch und furchtbar knarzig“.

„Willy Brandt“ versteht sich als Stück über den Politiker und den Menschen Willy Brandt. Das eine lasse sich vom anderen nicht trennen, sagt Wallner. Brandts Ehefrau Rut, gespielt von Susanne Höhne, lässt er einen Schlüsselsatz sagen: „Du achtest zu wenig darauf, mit wem du dich umgibst.“

Uraufführung am Freitag, 6. September, 19.30 Uhr, Großes Haus

„Politiker mit Charisma“
Lübecker Nachrichten: Wann ist Willy Brandt zum ersten Mal in Ihr Leben getreten?

Michael Wallner: Im Grunde als Feindbild meiner Eltern. Ich komme aus einer erzkonservativen Familie in Graz. Für sie war Brandt ein Prolet und ein Säufer, ohne dass sie genau wussten, ob dies stimmt. Brandt war proletarischer Herkunft, und er hat gern mal ein Glas Rotwein getrunken — aber es hat mich gereizt zu erfahren, wer er wirklich war. Und so habe ich relativ früh, ich bin Jahrgang 1958, seine Kanzlerschaft verfolgt.


LN: Wie war er wirklich?

Wallner: Er war einer der wenigen Politiker mit Charisma.


LN: Über Willy Brandt gibt es unendlich viel Material. Wie geht man vor, wenn man ein Stück über ihn schreibt?

Wallner: Ich bin da sehr intuitiv rangegangen. Ich habe mir viele Sachen bestellt und mich damit auf einen Bauernhof im Schwarzwald zurückgezogen. Allmählich formen sich dann Bilder. Erst kleine Szenen und dann auch die dunkle Seite von Willy Brandt. Es geht aber nicht, das einfach nur zu behaupten, ihn traurig über die Bühne schlurfen zu lassen, sondern so etwas braucht eine ästhetische Form. Deshalb habe ich die Allegorie der Dunkelheit erfunden, eine Figur, die etwas Verführerisches hat, etwas Antreibendes, Anpeitschendes.


LN: Hat sich Ihr Bild von Willy Brandt durch die Arbeit an dem Stück verändert?

Wallner: Absolut. Ich merke, dass mich dieser Mann, der das Deutschland-Bild in der Welt verändert hat, immer mehr bewegt hat. In seinem Leben gibt es diese gewaltige Schere. Er konnte unglaublich begeistern, war aber im privaten Kontakt gehemmt und scheu. Interview: Liliane Jolitz

Liliane Jolitz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden