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19:12 10.10.2016
Gehört auch zum „Mobile Welten“-Projekt: Foto der österreichischen Künstlerin Ines Doujak. Quelle: Fotos: Museum Für Kunst und Gewerbe

Hamburg. Zu sehen gibt es – fast nichts. Jedenfalls noch nicht. Der große Raum im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist im Wesentlichen nackt und leer. Aber das soll sich ändern in den nächsten zwei Jahren. Was einen dann allerdings erwartet auf den etwa 170 Quadratmetern, das wird sich zeigen.

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„Mobile Welten“ – ein Kunstprojekt im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe fragt nach den Geschichten hinter den Dingen.

„Mobile Welten“ heißt das Projekt, zu dem in der vergangenen Woche in dem Haus nahe dem Hamburger Hauptbahnhof eine zweitägige Konferenz stattgefunden hat. Es ist angelegt auf drei Jahre und umfasst neben der Tagung eine Ausstellung und ein Forschungsvorhaben. Es ist eine Zusammenarbeit mehrerer Partner, und der Untertitel „Zur Migration der Dinge in transkulturellen Gesellschaften“ weist die Richtung.

Es geht um Gegenstände und ihre Geschichte. „An den Dingen haften Schicksale“, nennen das die Macher. Aber oft genug sehe man den Dingen diese Schicksale nicht an. Die bunten Stoffe etwa, die gemeinhin für typisch afrikanisch gehalten würden, stammten aus niederländischer Fabrikation. Und welche Schlüsse soll man aus einem Trikot der kroatischen Nationalmannschaft ziehen, das von einem Dschihadisten im irakischen Raqqa getragen wird, wo die Terrorpaten des Islamischen Staates das Sagen haben?

Fragen wie diesen wollen die „Mobilen Welten“ nachgehen. Beteiligt sind neben dem Hamburger Museum die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, die Goethe-Universität in Frankfurt am Main sowie Schüler der ErichKästner-Schule in HamburgFarmsen. Die kuratorische Leitung hat Roger M. Buergel, 2007 bekannt geworden als künstlerischer Leiter der Documenta 12 und heute Direktor des Johann Jacobs Museums in Zürich. Das Forschungsvorhaben wird von Sophia Prinz koordiniert, die häufig mit Buergel zusammengearbeitet hat und an der Viadrina Kultursoziologie lehrt. Gefördert wird das Vorhaben vom Bundesforschungsministerium.

Verfolgt wird mit dem Projekt auch eine „neue museale Ordnung“. Wenn sich etwa eine persische Keramikschale als chinesisches Porzellan ausgibt, versehen mit Schriftzeichen jedoch, die kein Chinese lesen kann, weil sie reine Erfindung sind, dann fällt eine Zuordnung schwer. Die Schale vereint zwar zwei Kulturen in sich, sie ist das, was man transkulturell nennt, aber sie fällt durchs gängige Raster. Genauso wie ein traditioneller japanischer Kimono für Kinder, der mit Kampfflugzeugen bedruckt ist. Oder wie ein Hindu-Altar im Gelsenkirchener Barock.

„Es geht um das, was sich schwer einordnen lässt“, sagt Buergel. „Um Verflechtungen, auch zwischen scheinbaren Gegensätzen.“ In der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bilde sich eine Einwanderungsgesellschaft ab, in der deutschen Museumslandschaft aber noch nicht. Viele Museen schauten mit einem veralteten Blick auf die Welt. Ihre Wissenschaftskategorien seien vom 19. Jahrhundert geprägt. „Es ist eine sehr weiße, sehr europäische, sehr männliche Art, die Welt zu betrachten“, kritisiert Buergel. In einer immer mehr globalisierten und verflochtenen Welt aber gebe es dafür immer weniger Publikum. Die Museen könnten ihrem Bildungsauftrag daher immer weniger gerecht werden.

„Transkulturelles Klassenzimmer“ nennt sich denn auch der Ausstellungsraum im Museum. Bisher hatte er als Depot gedient, und in der vergangenen Woche war er noch fast ganz und leer. Künftig sollen hier Dinge gezeigt werden, aber es sind anfangs nur etwa ein Dutzend. Eine als Porzellan-Hund getarnte Blumenvase des amerikanischen Kitsch-Künstlers Jeff Koons zum Beispiel, die die Farmsener Schüler aus den Beständen des Museums ausgesucht und der sie ein kleines Kätzchen zur Seite gestellt haben, den Glücksbringer einer Schülerin. Oder ein Mantel von Alexander McQueen aus italienischer Produktion, dessen indisches Muster der 2010 verstorbene Designer angeblich als Statement gegen den britischen Kolonialismus verstanden wissen wollte. Oder ein alter Topf, den eine Kästner-Schülerin bei Hamburg im Sumpf gefunden hat und der jetzt in Verbindung gebracht wird mit einer Vierländer Truhe aus Eichenholz. Und im Herbst 2018 soll der Raum dann voll sein.

4000 Jahre Geschichte

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) bildet mit seiner Sammlung 4000 Jahre Menschheitgeschichte ab – von der Antike über Mittelalter und Renaissance, Barock, Klassizismus und Moderne bis zur Gegenwart. Das Haus wurde 1874 gegründet und ist international ausgerichtet. Zum Bestand zählen mehr als 500000 Objekte. Die erste Inventarnummer bezeichnet eine Bouillontasse der Königlichen Porzellanmanufaktur im französischen Sèvres, eine der jüngeren Anschaffungen ist die grellbunte Pop-Art-Kantine aus dem ehemaligen Verlagsgebäude des „Spiegel“.

Peter Intelmann und Oliver Beckhoff

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