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Kultur im Rest der Welt Cowboy Junkies – Showdown im Paradiesgärtchen
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09:57 12.07.2018
Verzaubern durch Langsamkeit: Die Cowboy Junkies sind ihrem Sound treu geblieben, sind politischer denn je und spielen immer noch in der Urbesetzung (v. l. Alan Anton, Margo, Peter und Michael Timmins). Quelle: © Heather Pollock
Toronto

„An einem offenen Paradiesgärtchen geht der Mensch gleichgültig vorbei“, schrieb der Schweizer Dichter Gottfried Keller im 19. Jahrhundert, „und wird erst traurig, wenn es verschlossen wird.“ Sechs Jahre war nichts mehr zu hören von den Cowboy Junkies, den musikalischen Meistern der Traurigkeit. Jetzt aber, unter dem Eindruck einer Welt, in der sich die Paradiesgärtchen nach und nach schließen, hat die Band, bestehend aus den Timmins-Geschwistern Michael, Margo und Peter und ihrem Bassisten Alan Anton, ein neues Album herausgebracht. „All That Reckoning“ heißt es – „All diese Abrechungen“.

Eine Melange aus Blues und Country – in Zeitlupe

Sie klingen darauf im Grunde immer noch wie 1988, als „The Trinity Session“, erschien, das zweite Album der Kanadier, das an einem einzigen Tag in einer Kirche aufgenommen worden war und ihnen den Durchbruch brachte. Und das den amerikanischen Musikkritiker Anthony DeCurtis verzückte: „Die ganze Platte hört sich an wie ein einziger sich entfaltender Song“, schrieb er damals im „Rolling Stone“. „Die Stimmung ist hypnotisch, der Blick nach innen geworfen.“

Eine wohlige Melange aus Blues und Country ist auch „All That Reckoning“ geworden - meist zeitlupenartig langsam, getragen von der bittersüßen, leicht rauchigen Stimme von Margo Timmins und den wehmütigen Gitarrensounds von Songwriter Michael Timmins. Die Wirkung ist enorm: Man möchte in dieser hochmelodischen Tristesse schweben wie die Kinder in Gabriel Garcia Marquez‘ Geschichte vom „Licht, das wie Wasser“.

Nur einmal rockt die Band richtig. Michael Timmins‘ Gitarre schrammt in „Sing Me A Song“ wie Draht auf Stahl, der Song groovt als wäre er ein verlorenes Stück von U2s „Achtung, Baby!“ „Sing mir ein Lied über das Leben in Amerika“, fordert Margo Timmins darin, „sing mir ein Lied über die Liebe“.

Es war an der Zeit, die Stille zu beenden

Amerika, der unberechenbar gewordene Nachbar im Süden, war einer der Hauptanlässe gewesen, wieder ins Studio zu gehen. Die Sorge um die eigenen Kinder treibt die vier Musiker um, der Blick geht diesmal nach außen. In den Zeiten von Donald Trumps Willkür- und Egoshow, der Populistenschwemme, von Nationalismus und Isolationismus in aller Welt, der zunehmenden Gleichgültigkeit und Missachtung des Individuums, ist das Quartett aus Toronto so direkt wie nie.

„Diese Songs sind eine Abrechnung auf persönlicher Ebene und ebenfalls auf einem politischen Level“, sagt Michael Timmins. „Es passiert aktuell so viel um uns herum, und keiner weiß, wie es enden wird.“ Ohne Relevanz bestünde kein Sinn mehr, Platten zu machen, das ist das Credo der Junkies nach drei Jahrzehnten. Jetzt aber war es an der Zeit, die Stille zu beenden.

Der Protestsong erlebt eine neue Blütezeit

„Willkommen in den Tagen von Zorn und Ressentiment“ singt Margo Timmins entsprechend in „When We Arrive“, „alte Ideen werden wieder stärker … alles ist unsicher geworden und instabil“. Noch deutlicher wird sie in „The Things We Do To Each Other“: „Furcht ist nicht weit weg vom Hass / um wenn man die Leute also zur Furcht bringt / braucht man nur noch wenig / um in den höheren Gang zu schalten“ .

Und weiter: „Du kannst den Hass kontrollieren / aber nur für eine Weile / und wenn du die Kontrolle verlierst …“ Was dann passiert, lassen sie offen. Der Adressat aber ist klar. Sie müssten das „Du“ nur noch durch den Namen des Präsidenten ersetzen.

Die meisten Bands scheuen Statements. Das Rockpublikum kennt längst viele Seiten des Guten und will schon lange nicht mehr wie einst singenden Wortführern folgen. Seit Trumps Regierungsantritt aber erlebt der Protestsong eine neue Blüte. Und so ist es mit „All That Reckoning“, wie es der libanesisch-amerikanische Poet Khalil Gibran einst ausdrückte: „Als ich meinen Schmerz auf dem Feld der Geduld aussäte, erwuchs aus ihm die Frucht des Glücks.“

Die traurige Musik der Cowboy Junkies bewirkt tatsächlich Glücksgefühle. Man betritt dieses Paradiesgärtchen aus Songs und fühlt sich aufgehoben.

Cowboy Junkies: „All That Reckoning“ (Proper)

Von Matthias Halbig / RND

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