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Ballett brutal: „Salome“ als rockige Horrorshow in Stuttgart

Stuttgart Ballett brutal: „Salome“ als rockige Horrorshow in Stuttgart

Rund sieben Monate ist es her, dass auf der Bühne der Oper Stuttgart „Salome“ von Richard Strauss einen Propheten aus perverser Lust köpfen ließ. Nun ist die Blutrünstige zurück - und tanzt zu moderner Musik in einem neuen Abendfüller des renommierten Balletts.

Stuttgart. Halbe Sachen muss sich Stuttgarts aufstrebender Hauschoreograph Demis Volpi in seinem neuen Handlungsballett „Salome“ nicht vorwerfen lassen. Sein schrilles Tanzspektakel verlangt der renommierten Compagnie mit den Starsolistinnen Alicia Amatriain und Elisa Badenes einiges ab.

Mit ihren Sexsklaven im Erotik-Geschirr und den unverkrampften Orgien erinnerte die mit langem Applaus bedachte Uraufführung teils an einen Swingerclub, teils an einen Horrorfilm. Der Abendfüller ist nicht nur wegen der derben Bilder speziell - etwa, wenn sich Salome mit entblößter Brust Sexspielchen mit dem abgetrennten Kopf ihres geliebten Jochanaan hingibt. Er ist auch ein besonderes Hörerlebnis.

An der elektrischen Violine ist der US-Amerikaner Tracy Silverman zu hören, von dem Teile der farbenreichen Musik stammen. Aus Kompositionen auch von John Adams, Vladimir Martynov und anderen entsteht ein Mix aus Hardrockigem, Orientalischem und Metallischem. In diesem Klangkosmos zeigt Volpi seine blutrünstige Salome (Badenes) in einer Welt verschmähter Liebe, in der einer immer das will, was er nicht haben kann. Herodes begehrt seine Nichte Salome, sie erfüllt ihm den Wunsch, für ihn zu tanzen - und lässt sich als Lohn den Kopf des eingekerkerten Propheten Jochanaan (David Moore), nach dem sie sich verzehrt, auf dem Silbertablett bringen.

Es ist gerade einmal sieben Monate her, dass eine andere Salome auf derselben Bühne verrückt spielte - in der gleichnamigen Oper von Richard Strauss und in der viel beachteten Regie des Russen Kirill Serebrennikow, der seine Inszenierung im islamischen Kontext ansiedelte. Nun kommt sie in einer Art rockiger Horrorshow (Bühne und Kostüme: Katharina Schlipf) zurück. Volpi erweist besonders auch dem Urheber der Geschichte, dem wegen seiner Homosexualität verfolgten Oscar Wilde (1854-1900), eine Hommage - etwa mit zärtlichen und intensiven Pas de deux oder mit den orgiastischen Szenen enthemmter Tänzer.

Minutenlang lässt der gebürtige Argentinier Volpi am Ende seine Salome allein auf der kargen Bühne mit dem bluttriefenden abgetrennten Kopf Jochanaans - einer Attrappe aus Wachs. Ein Lichtblick im Wortsinn in dieser düsteren und dekadenten Welt ist die mit großer Hingabe geschaffene Figur des Mondes - mit famoser Grazie getanzt von Superstar Alicia Amatriain. Es ist der auch bei Wilde erwähnte Mond, der scheinbar die Gefühle der Protagonisten durcheinander bringt. Amatriain gibt der Mondfigur mit einer Körperbeherrschung bis in die letzte Muskelfaser des kleinen Zehs eine fast gespenstische Strahlkraft.

Die unlängst mit dem internationalen Tanzpreis Benois de la Danse ausgezeichnete Ballerina dankte Volpi mit tiefer Verbeugung und langem Kuss unter starkem Zuschauerbeifall für die Traumrolle. Schon für seinen vertanzten „Krabat“ nach Otfried Preußlers (1923-2013) gleichnamigen Klassiker erhielt der gerade erst 30 Jahre alte Volpi großen Zuspruch. Der bisweilen von Kritikern als Macher von kulturellem Fastfood mit jugendlicher Oberflächlichkeit geschmähte Stuttgarter Hauschoreograph zeigte sich zufrieden mit der Resonanz am Freitagabend. Sein nächstes Großprojekt ist schon in Sicht: Benjamin Brittens Oper „Der Tod in Venedig“ am 7. Mai 2017, eine Koproduktion mit dem Ballett. Hier wird Volpi die Inszenierung und Choreographie übernehmen.

dpa

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