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Beltracchi füllt weiße Flecken der Kunstgeschichte

Ex-Meisterfälscher Beltracchi füllt weiße Flecken der Kunstgeschichte

„Auf Montage“ sei er, sagt Wolfgang Beltracchi. Im Akkord malt er nach der Idee des Unternehmers Christian Zott an einem Zyklus von Bildern, die weiße Flecken in der Geschichte der Kunst füllen sollen. Der Ex-Meisterfälscher gräbt sich per Pinsel durch die Jahrhunderte.

Der Ex-Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi arbeitet mit dem Unternehmer und Kunstliebhaber Christian Zott an einem Projekt. Er soll weiße Flecken in der Kunstgeschichte finden und sie mit Bildern füllen.

Quelle: Peter Kneffel

München. Ein wenig Gelb. „Jetzt hol ich das Licht mal nach vorne: Ganz wenig“. Ein Pinselstrich in Orange. „Fertig.“ Wolfgang Beltracchi malt an einem Franz Marc. Darum herum gruppieren sich die Protagonisten der Künstlervereinigung Der Blaue Reiter - ein Gruppenbild, das es nie gab.

Und für das die durchaus inhomogene Künstlergruppe, von der es nicht einmal ein gemeinsames Foto gibt, wohl so nie Modell gestanden hätte. Vor dem Haus von Gabriele Münter in Murnau lässt Beltracchi sie aufmarschieren: Marc, Wassily Kandinsky, August Macke, Marianne von Werefkin, Alexej Jawlensky. Jeder mit seiner Staffelei, allesamt brav mit einer griesgrämig blickenden Münter deren Haus malend.

Der verurteilte Kunstfälscher arbeitet an einem neuartigen Projekt. Mit dem Unternehmer und Kunstliebhaber Christian Zott will er weiße Flecken in der Geschichte der Kunst finden - und sie mit Bildern füllen. Entscheidende Moment sollen es sein, die große Wirkung für die Menschheit entfalteten, so Zotts Idee. „Kairos“ nennt er sein Projekt, im Altgriechischen der Terminus für einen rechten Zeitpunkt.

Im nächsten Jahr sollen die Werke zusammen mit Fotografien des Italieners Mauro Fiorese auf Tournee gehen, erste Station ist Venedig. Am Ende werden sie mit anderen Werken aus Zotts Kunst-Sammlung in einem Museum unterkommen, das dieser in seiner Heimatgemeinde Unterammergau bauen will. Unentdeckte Momente in der Kunst sichtbar machen war auch Fioreses Thema, der in die Keller der Museen stieg und dort gelagerte Werke fotografierte, die Besucher nie zu Gesicht bekamen.

Zott, der mit Ende 27 Jahren seine erste Firma gründete und mit seinem Unternehmen mSE Solutions Lieferketten und Logistik Firmen berät, hatte Fiorese kennengelernt, als er Anfang 50 zu Fuß Tausende Kilometer vom Westen Portugals bis zum Bosporus im Osten wanderte. Nach der Reise begann er ein Philosophie-Studium - und startete verschiedene Kunstprojekte.

Bei „Kairos“ gehe es um die Fragestellung: „Was sieht der Museumsbesucher eigentlich - und wer entscheidet darüber?“, erläutert Zott. „Und wie kann ich zu 2000 Jahren europäischer Kunstgeschichte und ihren wesentlichen Epochen einen neuen Zugang schaffen?“

Um die „Kairoi“ daraus zu destillieren, hat Zott Kunsthistoriker und andere Wissenschaftler engagiert. Und Wolfgang Beltracchi. Mindestens 23 Augenblicke sollen es sein, die Beltracchi mit Farbe und mit der Handschrift der passenden Künstlers füllt: Die Erleuchtung Martin Luthers im Gewitter - im Stil von Lukas Cranach dem Älteren. Der Moment, als Charles Darwin von England aus zu seiner Weltreise in See sticht - von der er Beobachtungen mitbringt, die ihn zu seiner Evolutionstheorie führen. Beltracchi lässt das Schiff im Stil von William Turner - der Darwin vermutlich kannte - in den Sonnenaufgang aufbrechen, zu neuen Ufern der Erkenntnis.

Nun malt er an dem Bild der Blaue Reiter-Künstler, die das Verständnis von Kunst nachhaltig veränderten. Natürlich wählte er dafür den Stil von Heinrich Campendonk - den er besonders liebt und besonders gut kann. Vielleicht besser als der Maler selbst. „Wenn Campendonk damals dieses Bild gemalt hätte: Das hätte ihn auf einen Schlag bekannt gemacht.“ Schließlich habe erst er Campendonk zu größerer Bekanntheit verholfen - und seinen Bildern zu größerem Wert. Was er mit Augenzwinkern sagt, stimmt: Der teuerste - aber eben falsche - Campendonk aller Zeiten war es, der Beltracchi und seine Frau Helene 2011 hinter Gitter brachte.

In dem Werk „Rotes Bild mit Pferden“, von der Kunstwelt hochgelobt und für 2,4 Millionen Euro versteigert, wurde modernes Titanweiß nachgewiesen, das es zu der angeblichen Entstehungszeit 1914 noch gar nicht gab. Beltracchi gestand seine Fälschungen, in denen er an sich neue Motive im Stil berühmter Maler schuf. Etwa 300 Bilder seien es gewesen, sagt er. Bis heute sind die meisten nicht aufgetaucht.

Jahrhundertfälscher wurde er genannt: Blauer Reiter, Kubismus, Fauvismus, Impressionismus, vor allem Moderne, aber auch Renaissance. „Ich denke, es ist ein genetischer Defekt“, witzelte Beltracchi einmal über seine Fähigkeit, in so vielen Stilrichtungen zuhause zu sein. Er malte Max Ernst, Max Pechstein, Henry Matisse, aber auch Albrecht Dürer, Sandro Botticelli und Rembrandt. Nun kommt unter anderem Cranach dazu. Nicht schwer, aber „pieselig“ und aufwendig, befindet der Meister: Lästig, dass bei dem damaligen Hofmaler am kursächsischen Hof, der neben Altarwerken diverse Luther-Porträts schuf, so viele Farbschichten nötig sind, die erst trocknen müssen.

Eine echte Herausforderung sei Jan Vermeer, sagt Beltracchi, und es klingt fast ehrfürchtig. Schließlich ist sein Spruch sonst: „Ich kann sie alle.“ Mit dem Barockmaler begeben sich Beltracchi und Zott auch auf eine Spurensuche zur Entstehung der Gemälde. Über Versuche mit optischen Systemen will Beltracchi nachvollziehen, wie der Meister damals seine bis heute faszinierenden Lichteffekte erzielte.

Dazu will Zott in seiner Galerie Zott Artspace in München ein Linsensystem aufbauen - und das Atelier Vermeers naturgetreu erstehen lassen. Beltracchi soll in die Rolle Vermeers schlüpfen - und testen, wie der Meister malte. Er wird Vermeers Bildern „Der Astronom“ und „Der Geograph“ ein drittes hinzufügen, das - jedenfalls aus Sicht von Zott und Beltracchi - ganz offensichtlich fehlt: „Der Philosoph“.

Beltracchi hat reichlich Arbeit vor sich. Acht Bilder sind fertig. Bis August 2018 sollen alle 23 vorliegen, wenn möglich noch ein paar mehr - um in eigens gefertigten Ausstellungsboxen auf Tour zu gehen.

„Ich bin auf Montage“, stöhnt der Meister. Sieben Tage die Woche schufte er, sagt er, und fasst sein neues Leben einmal mehr so zusammen: „Früher hatte ich Geld und meine Ruhe. Heute habe ich jede Menge zu arbeiten.“ Aber: „Es macht mir Spaß.“

dpa

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