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Beth Ditto - Trotzige Karriere des „dicken Mädchens“

Musik Beth Ditto - Trotzige Karriere des „dicken Mädchens“

Als kleines Mädchen besitzt Mary Beth Ditto wenig, außer einem Traum und dem passenden T-Shirt dazu.

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Beth Ditto ist die Karriere offenbar nicht in den Schoß gefallen.

Quelle: Guillaume Horcajuelo

New York. Als kleines Mädchen besitzt Mary Beth Ditto wenig, außer einem Traum und dem passenden T-Shirt dazu. Eine elegante Sängerin, die einer riesigen Muschel entsteigt, hat ihre Tante auf den Stoff gemalt - und genauso will Ditto auch werden.

„Mit sechs Jahren hatte ich mit dem Singen angefangen und immer gedacht, dass ich Sängerin werden würde.“ Dem Plan steht zunächst allerdings einiges im Wege: Ditto ist kein bisschen elegant, sondern ein „dickes, lautes nerviges Mädchen“. Zudem kommt sie aus einem ärmlichen und von Gewalt geprägten Elternhaus tief im ländlichen Nichts des US-Bundesstaats Arkansas, wo - so schreibt es die heute 31-Jährige - die Männer toten Eichhörnchen das Gehirn als Delikatesse durch die Schnauze saugen und die Frauen zu früh und zu viele Kinder bekommen.

Wie sie trotz aller Widrigkeiten den Einstieg ins Showbusiness schafft, mit ihrer Band Gossip (deutsch: Klatsch) Charts-Erfolge und ausverkaufte Tourneen feiert und zur Mode-Ikone wird, das beschreibt Ditto in ihrer Autobiografie „Heavy Cross“, die am Montag in Deutschland erschienen ist. Das Buch des „aufregendsten und ungewöhnlichsten Stars der Pop-und Modeszene“, wie der Verlag sie preist, ist schonungslos ehrlich und an vielen Stellen schockierend traurig.

Ditto erzählt, wie sie in ihrer Kindheit sexuell missbraucht und geschlagen wurde, wie sie unter Hunger litt, immer wieder bei anderen Familienmitglieder unterschlüpfte und trotzdem nie eine richtige Heimat fand, wie sie in der Schule wegen ihrer rundlichen Figur gehänselt wurde und wie sie Jahre brauchte, um mit sich, ihrer Homosexualität und ihrem Aussehen ins Reine zu kommen und darüber nicht selten zutiefst verzweifelte. Aber die Sängerin hat das Buch nicht zum Jammern geschrieben, sondern zum Mutmachen, denn sie hat es trotzdem geschafft. „Diese Geschichten sind alle wahr, einige sehr schmerzhaft. Ohne all diese Geschichten, die guten wie die schlechten, wäre ich jedoch nicht die, die ich heute bin. Und ich bin stolz auf mich.“

Mary Beth Ditto („Die meisten Leute denken, das sei ein Punkname, den ich mir ausgedacht habe, als ich anfing, in Bands zu singen, aber er ist echt.“) wird am 19. Februar 1981 in dem 2000-Einwohner-Städtchen Judsonia mitten in Arkansas geboren. Tanzen und Alkohol sind verboten, die nächste größere Stadt ist mehr als eine Stunde mit dem Auto entfernt. Ihren leiblichen Vater kennt Ditto nicht und auch den „gefühlten“ Vater ersetzt die Mutter bald durch neue Männer. Als Krankenschwester verdient Dittos Mutter meist nicht genug, um ihre vielen Kinder zu ernähren. Alkohol, Gewalt und sexueller Missbrauch sind allgegenwärtig. Ditto zieht immer wieder zu anderen Familienmitgliedern, fühlt sich nie wirklich zu Hause. „Ich war eine Heimatlose in meiner eigenen Familie“, schreibt die schrille Sängerin. „Ich hatte nicht mal ein Bett.“

Erst als sie in die Schule kommt, wird ihr Leben besser. Ditto entdeckt ihre Vorliebe für Klamotten und Frisuren, findet Freunde und entwickelt Selbstbewusstsein. „Wenn es einem wichtig ist, was die richtigen Leute - nämlich die eigenen Freunde - von einem halten, kann man machen, was man will.“ Bald steht sie offen zu ihrer Homosexualität und zu ihrem Aussehen. Sie gründet erste Punkbands und zieht schließlich mit Freunden ganz weit weg - in die musikverrückte Hauptstadt des Bundesstaates Washington, Olympia. „Dass jemand Judsonia verließ, war sehr ungewöhnlich. Aber ich war auch ungewöhnlich und deshalb ergab das alles Sinn.“ In Olympia entstehen die ersten Alben von Gossip.

Mit dem Album „Music for Men“ schafft die Band 2009 den Durchbruch und wird bis heute überall auf der Welt gefeiert - außer in den USA. „Es gibt etwas, das mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt und das sind die Vereinigten Staaten.“ Niemand kenne sie in Portland im Bundesstaat Oregon, wo sie vor einigen Jahren hingezogen ist. „Das lässt einen immer wieder demütig werden.“ Und obwohl Ditto, die ihre üppigen Kurven gerne in knallengen Outfits zur Schau stellt, inzwischen preisgekrönte Sängerin ist und von Modezar Karl Lagerfeld höchstpersönlich zur Stil-Ikone erklärt wurde - ihre schwierige Kindheit werde immer ein Teil von ihr sein, schreibt sie. „Judsonia sitzt mir so tief unter den Fingernägeln, dass keine Maniküre der Welt etwas daran ändern könnte.“

Beth Ditto: Heavy Cross. Die Autobiografie, Wilhelm Heyne Verlag, München, 208 Seiten, 16,99 Euro, ISBN 978-3453-26675-9

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